Nr. 6: Auszeit

Im Zuwahlkurs Geschichte der Vorstufe interpretierten wir konzentriert Quellen.

Jürgen, so nenne ich ihn jetzt einfach mal, war einer meiner fähigsten Schüler. Es bereitete ihm großes Vergnügen, überzeugendere Argumente zu finden als sein Lehrer. Das führte regelmäßig zu hitzigen Streitgesprächen. In einem dieser Streitgespräche meinte er, mir noch einmal seine Sichtweise erklären zu müssen, obwohl ich gut aufgepasst hatte. Ich sagte dann zu ihm wohl etwas gereizt: „Ich bin nicht so doof wie ich aussehe.“ Jürgen, gar nicht bange, entgegnete: „Das wäre aber auch schlimm.“

Das Gemurmel in der kleinen Lerngruppe verstummte schlagartig. Meine Schülerinnen und Schüler sahen mich betroffen und erwartungsvoll an.

Um nicht mein Gesicht zu verlieren und meine Autorität untergraben zu lassen, musste ich reagieren. Aber wie? Böse wer-den? Nein, ich musste anders reagieren. So sagte ich denn betont freundlich: „Jürgen, du hast dir gerade eine Auszeit ver-dient. Verlasse den Raum und erhole dich draußen. Wir rufen dich dann wieder herein.“ Jürgen verließ lächelnd die Lern-gruppe. Nach einigen Minuten durfte er wieder zurück. Wir informierten ihn über den aktuellen Stand unserer Quelleninter-pretation, und schon bald klingelte es.

Leider entschieden sich an unserer kleinen gymnasialen Oberstufe nicht genug Schülerinnen und Schüler für einen Leistungskurs Geschichte, so dass Jürgen zu einer benachbarten Schule wechselte, um dort in seinem Wunschkurs lernen zu können.

Einige Jahre später betankte ich auf dem Nachhauseweg mein Auto an einer Tankstelle in der Nähe meiner Schule.

Plötzlich näherte sich langsam ein Peterwagen (so heißen die Hamburger Funkstreifenwagen), der von einem Uniformier-ten gesteuert wurde.

Er musste mir nachgefahren sein, hielt in meiner Nähe. Ich bekam ein schlechtes Gewissen und befürchtete, der Polizist wolle mir irgendeine Verkehrsübertretung vorhalten, obwohl ich mir keiner bewusst war.

Der Polizist stieg aus, setzte seine Dienstmütze auf, zentrierte sie, wartete, bis ich den Tank gefüllt hatte, kam auf mich zu, blieb stehen, sah mich freundlich an und sagte: „Guten Tag, Herr May, kennen Sie mich noch?“ „Guten Tag, Jürgen. Natürlich kenne ich dich noch.

Du warst doch einer meiner besten Schüler.“

Dann unterhielten wir uns noch eine ganze Weile. Jürgen erzählte mir von dem Erlebnis in der Schule, das ich soeben geschildert habe. Im Laufe der Jahre hatte ich es völlig vergessen. Jürgen hatte sich in der Schule besonders in Geschichte und Gemeinschaftskunde fundierte Kenntnisse angeeignet und sich nach dem Abitur bei der Polizei beworben. Mühelos nahm er die hohen Hürden beim Auswahlverfahren, bei dem schon so mancher scheiterte, und freute sich jetzt nach seiner erfolgreichen Ausbildung darüber, dass er endlich „seinen“ Peterwagen fahren durfte. Inzwischen ist schon wieder viel Zeit vergangen, und Jürgen ist sicherlich die Karriereleiter weiter nach oben geklettert.

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