Nr. 49: Gendern

Seit einigen Jahrzehnten wird immer wieder dazu aufgefordert, eine Sprache zu verwenden, die allen Geschlechtern gerecht wird. Damit soll die sprachliche Gleichbehandlung erreicht und  sprachliche Diskriminierung verhindert werden.

Gendern wird nach wie vor kontrovers diskutiert.

Bernhard Lassahn veröffentlichte 1989 den folgenden Artikel:

DIE WELT – Nr. 162 – Samstag, 15. Juli 1989

                                                                              Von Gruftessen und Zombinetten                                                                                                                                                         Der sprachliche Vormarsch der Frauen

Inzwischen scheint selbst der Politiker, der am Wahlabend strahlend vor die Kamera tritt, etwas bemerkt zu haben:               Er verwendet nämlich nicht mehr den Machoplural und sagt etwa „Der Wähler hat entschieden“, sondern dankt an dieser Stelle ausdrücklich den „Wählerinnen und Wählern“ draußen im Lande. 

Es reicht den Wählerinnen heute nicht mehr, in einen schwammigen Plural irgendwie mit einbezogen zu sein. Nein, die Zeiten sind vorbei. Heute machen sich die Frauen bemerkbar. Überall. 

Auch bei der Post. Wer heute ein Telefon möchte, wird auf den neuen Formularen nicht mehr als „Antragsteller“ behandelt, sondern als „Auftraggeber“; und da nun auch die Frauen was zu sagen haben - gerade am Telefon, ich denke da nur an Sabine Hedinger -, heißt es sogar „Auftraggeber/in“. Immerhin. Da tut sich was. 

Wo bleiben denn die Deutschinnen? 

Noch besser wäre allerdings die Formulierung: Auftraggeberin und Auftraggeber. Denn mit einem Schrägstrich sind Frauen heute auch nicht mehr zufrieden: „Nichtschwimmer/innen-Becken“ - wie sähe das wohl aus? 

Nein, die Frauen lassen sich nicht länger auf den Schräg-Strich schicken; auch so was wie ,jede(r) Bürger(in)“ oder „BürgerInnen“ mit großem „I“ wirkt nur wie falsch verstandene Arno-Schmidt-Nachfolge. Frauen wollen heute nicht mehr nur in Klammem erwähnt oder durch so ein großgeschriebenes „I“ in ihrer Existenzberechtigung irgendwie angedeutet werden. 

So sprechen sie auch von „Amerikanerinnen und Amerikanern“. Genauso wollen es die Frauen heute. Und selbst wenn es für die eine und den einen oder die andere und den anderen noch ungewöhnlich klingen mag, wir sollten dann auch von Schweizerinnen und Schweizern sprechen, von Deutschinnen und Deutschen; denn warum sollen wieder mal die Frauen in Amerika bevorzugt werden? Warum immer die? 

Nein, die Frauen sind heute nicht mehr zufrieden und meinen, sprachlich müßte hier noch unheimlich viel auf Vorderfrau gebracht werden. Wie sollen sich die Frauen auch angesprochen fühlen von einer „Expertentagung zu Energiefragen“? Selbst wenn großzügig „Zuhörer“ zugelassen sind? 

Ja, wie denn auch? Solange es noch keine Expertinnen- und Expertentagung ist, bei der Zuhörerinnen und Zuhörer zugelassen sind, solange fühlen sie sich eben noch ausgeschlossen. Da muß schon die Fachfrau her, die neben dem Fachmann genauso selbstverständlich werden muß wie die Flachfrau neben dem Flachmann. 

Schon Günter Grass hat mit seinem Romantitel „Die Rättin“ ein Zeichen gesetzt. Auch bei den Ratten muß – wie überall – die weibliche Form voll zur Geltung gebracht werden. Warum das nicht schon längst geschehen ist, wissen die Geierin und der Geier. 

Bei Anthologien der Reihe Rowohlt Panther beispielsweise heißt es auch statt „Autorenverzeichnis“ längst schon: Autorinnen und Autoren. Also. Es geht doch. 

Ein Rundschreiben „An die Mitglieder und Mitgliederinnen des Vereins Freunde und Förderer der Ökobank e. V.“ geht allerdings nicht weit genug, und gerade bei den Worten mit ,,-glied“ erwarten Frauen heute etwas mehr Feinfühligkeit. Es muß natürlich heißen: An die Mitgliederinnen und Mitglieder ... und zwar in dieser Reihenfolge! Und dann weiter: des Vereins Freundinnen und Freunde und Förderinnen und Förderer der Ökobank e. V.! 

Jawohl, auf die Reihenfolge kommt es an. Allerdings - wenn da ein gewisser Herr Joseph von Westphalen noch vom „Seitenspringer oder der Seitenspringerin“ schreibt, oder von „Pappnasenmännern und -frauen“, so merkt man ihm eben den heimlichen Hang zur männlichen Vor-herr(!)schaft immer noch an. 

Schalten wir nur mal die Sportschau an, beispielsweise. Da heißt es dann, daß Steffi Graf eine „Landsmännin“ vor Boris Becker sei - Landsmännin! Der Ausdruck ging doch wohl voll ins Netz, oder? Dabei ist Steffi die Nummer eins! Da könnten sich die Herren getrost mal eine Scheiblette und eine Scheibe davon abschneiden. 

Gerade bei solchen Ausdrücken spürt Frau immer noch, wie sie täglich benachteiligt wird. So nennt man auf gut Neu- deutsch einen etwas in die Jahre gekommenen älteren Herrn gerne einen „Grufti“ - wer aber spricht von einer Gruftesse? Oder Grufteuse? 

Oder: In einer kumpelinnen- und kumpelhaften Art sagt man heute gern zu einem etwas müden Herrn: „Na, du Zombie!“ Wo aber bleibt die Zombine? Die Zombinette? Auch die Regale in Videotheken müssen neu beschriftet werden: Kannibalinnen- und Kannibalenvideos. Nur für Erwachsinnen und Erwachsene. 

Mann, laß dich nicht zum Detlev machen! 

Alle Formulierungen werden sich die Frauen sowieso nicht aneignen können, jedenfalls nicht so schnell. Ich fürchte sogar, die Frauen werden nie ganz zufrieden sein. Neulich mußte ich diese Szene erleben: Ein Mann wirft die Augen zu Gott und stöhnt: „Oh dieses Frauengetue mit den weiblichen Endungen geht mir inzwischen wahnsinnig auf den Zeiger.“ Zugegeben. Diese Formulierung wird man uns Männerinnen und Männern wohl noch ein Weilchen lassen müssen. 

Oder so was: Ein junger Vater beugt sich mit allerlei „Heititeiti“ über sein Baby … Ja, meine Güte, gerade im Umgang mit Kleinkinderinnen und Kleinkindern zeigen sich Männer oft noch dermaßen unbeholfen! Und wenn sie einen Kinderwagen schieben, sieht es immer noch so aus, als schöben sie einen Rasenmäher … Nun ja, jedenfalls sagt da die junge Mutter: Mann, mach dich doch nicht immer so zum Detlev!“ 

Wieder was, was erst mal nur auf gewisse Männer zutrifft. Noch. Bald aber werden die Frauen da auch noch aufholen. 

BERNHARD LASSAHN

Quellenangabe: Zeitungsausschnitt;  gescannt und neu formatiert ]

[ Erklärung: Die Warnung Mann, laß dich nicht zum Detlev machen!" bedeutet  Lass dich nicht hereinlegen oder manipulieren".  Sie ist eine Anspielung auf die lustige TV-Serie Stromberg", die von 2004 bis 2012 ausgestrahlt wurde und sehr beliebt war. ]

Information über Bernhard Lassahn: 

Bernhard Lassahn (* 15. April 1951 in Coswig) ist ein deutscher Schriftsteller und Autor. Lassahn begann als Liedermacher und Verfasser von satirischer Prosa. Seit den 1990er Jahren schreibt er vorwiegend Kinderbücher. 

Leben

Lassahns Familie siedelte früh aus der DDR in die Bundesrepublik über, zunächst in ein Flüchtlingslager in Espelkamp, später nach Nemden bei Melle und ins heutige Bissendorf, wo seine Mutter als Lehrerin arbeitete. Er studierte Germanistik in Marburg und Tübingen. Seit 1979 widmet er sich ganz der Schriftstellerei und veröffentlicht seitdem Romane, Erzählungen, Gedichte, Sachbücher und Hörspiele.[...] Mit dem Sammelband Dorn im Ohr stellte er einen Überblick und eine kritische Würdigung der Liedermacher in Deutschland, der Schweiz und Österreich zusammen. Für Kabarett- und Liedtexte erhielt er 1982 den Salzburger Stier (Kleinkunstpreis). 1985 erhielt er ein Stipendium der Kulturbehörde Hamburg, 1990 wurde er Stadtschreiber von Otterndorf. [ … ]

[ Quellenangabe: de.wikipedia.org/wiki/Bernhard Lassahn; Seite aufgerufen am 14.11.2025; Hyperlinks entfernt ]

Weitere Informationen:

Sabine Hedinger:

(* 3. Januar 1953 in Ludwigsburg)[1] ist eine deutsche Übersetzerin. Sie lebt in Frankreich und überträgt überwiegend englischsprachige Literatur ins Deutsche.

Leben und berufliche Tätigkeit

Sabine Hedinger studierte Erziehungswissenschaften, Soziologie und Jugend- und Familienrecht. Anschließend arbeitete sie als Jugendberaterin und -therapeutin in Deutschland und den Vereinigten Staaten.[2] Seit Mitte der 1980er Jahre über-setzt sie frei- und hauptberuflich Belletristik aus dem Englischen und Amerikanischen ins Deutsche. Anfang der 1990er Jahre lebte sie in Hamburg und war damals Mitglied der Fachgruppe Literatur in der „Bundessparte Übersetzer“ der IG-Medien und des Verbandes deutscher Schriftsteller.[1] 1995 zählte sie zu den Empfängern des Hamburger Förderpreises für literarische Übersetzungen. [ ... ]

[ https://de.wikipedia.org/wiki/Sabine_Hedinger; Hyperlinks entfernt ]

Arno Otto Schmidt:

(* 18. Januar 1914 in Hamburg-Hamm; † 3. Juni 1979 in Celle) war ein deutscher Schriftsteller.

Schmidt wuchs in Hamburg und Lauban bei Görlitz auf. Seit 1938 lebte er in Greiffenberg. Von 1946 an lebte er als freier Schriftsteller zunächst in Cordingen, dann in Gau-Bickelheim, Kastel an der Saar und in Darmstadt und seit 1958 in Bargfeld in der Lüneburger Heide bei Celle. Sein erster Band mit Erzählungen, Leviathan, erschien 1949. Dieser und seine Werke der 1950er Jahre sind sprachlich von einer ungewöhnlichen, sich oft am Expressionismus orientierenden Wortwahl geprägt. Formal kennzeichnet sie das Bemühen um neue Prosaformen, inhaltlich sind sie von einer kulturpessimistischen Weltsicht und einer angriffslustigen Gegnerschaft gegen das Westdeutschland der Adenauer-Ära geprägt. [ ... ]

[ https://de.wikipedia.org/wiki/Arno_Schmidt; Hyperlinks entfernt ]

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