Nr. 45: Heimweh nach Oma und Opa in Spanien
Unser Gymnasium war „das letzte Gymnasium vor der Autobahn“, wie ich es einmal scherzhaft nannte. Unsere Schülerinnen und Schüler kannten sich gut in ihrem Stadtteil aus.
Vor vielen Jahren war ein Junge aus einer unserer 5. Klassen in der Nähe einer Autobahneinfahrt auf dem Standstreifen der Autobahn zu Fuß unterwegs. Das war lebensgefährlich! Glücklicherweise wurde Pedro el pequeño rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Ein aufmerksamer Autofahrer muss wohl die Polizei informiert haben, die den Jungen aufgriff und zu seinen Eltern brachte. Ob es während der Schulzeit war, weiß ich nicht mehr. Diesen Jungen nenne ich einfach mal Pedro el pequeño, weil das so schön spanisch klingt.
Was wollte Pedro el pequeño (Peter der Kleine) auf der Autobahn? Seine Eltern waren gebürtige Spanier und waren einst als sogenannte Gastarbeiter nach Hamburg gekommen. Aber ihr Sohn hatte große Sehnsucht nach seinen Großeltern in Spanien und meinte, er könne sie erreichen, wenn er immer der Autobahn nach Süden folge. Zur Entschuldigung des Kleinen sei gesagt, dass in seinem Alter so manches Kind Längenmaße noch nicht realistisch einschätzen kann. Aber zumindest die Richtung stimmte.
Was tun? Unsere Schulleiterin erkannte, dass der Schüler stärker an die Schule gebunden werden müsse. Das lindere das Heimweh. Also wurde Folgendes mit den Eltern und unserem Hausmeister vereinbart:
Pedro el pequeño kam zwei oder drei Wochen lang jeden Morgen schon gegen halb acht in die Schule und durfte dann neben unserem Hausmeister in der Hausmeisterloge sitzen. Das gefiel dem kleinen Ausreißer sehr gut, denn er kam sich sehr wichtig vor, und außerdem konnte er viel öfter unseren zottigen und braven Schulhund Barry streicheln und kraulen, der sich gewöhnlich in der Nähe seines Herrchens aufhielt. Barry war besonders bei unseren jüngsten Schülerinnen und Schülern sehr beliebt.
Die Therapie war sehr erfolgreich und linderte Pedro el pequeños Heimwehschmerz.
Dass Kinder sehr an ihren Großeltern hängen, die in weit entfernten Ländern leben, erfuhr ich viele Jahre später von einer Schülerin, die inzwischen an unserem Gymnasium unterrichtet. Sie war vielleicht in der 8. Klasse, als sie mir verriet: „Wenn ich in Hamburg bin, vermisse ich meine Oma in der Türkei, und wenn ich in der Türkei bin, vermisse ich meine Oma in Deutschland.“
Allerdings kam sie nicht auf die waghalsige Idee, entlang der Autobahn zu Fuß bis in die Türkei zu wandern. Jedenfalls hat sie mir nie davon etwas erzählt. Das beruhigte mich sehr.
Als ich von Pedro el pequeños Wanderung erfuhr, dachte ich an Ringelnatz’ Gedicht von 1912:
Die Ameisen
In Hamburg lebten zwei Ameisen,
wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee
Da taten ihnen die Beine weh,
Und da verzichteten sie weise
Dann auf den letzten Teil der Reise.
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