Nr. 43: Das Irmchen

In Klasse 9 wurden an unserem Gymnasium dreiwöchige Betriebspraktika durchgeführt. Die Schüler und Schülerinnen bewarben sich rechtzeitig bei ihren Wunschbetrieben, die sie sich selber aussuchten. Die Klassenlehrer besuchten im Normalfall einmal ihre Schülerinnen und Schüler in den Betrieben. Einerseits war das für die Klassenlehrer sehr zeitauf-wendig und musste gut geplant werden, da die Betriebe über ganz Hamburg verstreut waren und der Oberstufenunterricht möglichst weitergeführt werden sollte. Andererseits war es sehr lohnend und lehrreich, denn auf diese Weise lernten die Lehrer Betriebe und Berufstätigkeiten kennen, die ihnen sonst verborgen geblieben wären.

Es folgen einige Beispiele:

- Lufthansa Technik in Hamburg-Fuhlsbüttel

- U-Bahn Hamburg Betriebshof

- STILL GmbH Gabelstapler u. Lagertechnik Werksniederlassung Hamburg-Fuhlsbüttel

- diverse Krankenhäuser

- chemische Betriebe

- Konditoreien / Großbäckerei

- Blumengeschäfte

- Landeszentralbank

- Otto-Versand Hamburg

- Einzelhandelsgeschäfte

Thomas hatte sich einen ganz ungewöhnlichen Betrieb ausgesucht. Dort wurden Lehrmittel und Übungsmittel für die Ausbildung des Nachwuchses im Gesundheitswesen produziert.

So manchem jungen Mädchen, das zur Krankenschwester oder Arzthelferin ausgebildet wird, fällt es schwer, einem Patienten Blut abzunehmen. Das gilt natürlich auch für Medizinstudentinnen und Medizinstudenten. Bei der Blutabnahme werden die Venen am Unterarm bevorzugt, da sie nicht so schmerzempfindlich sind wie die anderen Venen. Aber es muss die richtige Stelle am Unterarm gefunden werden, was bei manchen Patienten schwierig ist, weil die Venen wegzurollen scheinen, und dann kostet es Überwindung, um die Nadel einzustechen, denn man möchte dem Patienten nicht weh tun. Schmerzhaft kann es werden, wenn ein Nerv getroffen wird.

In dem Betrieb, in dem Thomas drei Wochen arbeitete, wurden Arme hergestellt, die bei flüchtigem Hinsehen wie echte aussahen. Diese Arme waren mit einem System von Schläuchen („Venen“) ausgestattet, die mit einer farbigen Flüssigkeit gefüllt werden konnten. Es gab außerdem eine entsprechende Einstichstelle in den Kunststoffarmen. So konnten die Auszubildenden üben, bevor sie Menschen Blut abnahmen.

Das war eine sehr sinnvolle Erfindung.

Thomas' Aufgabe war es nicht, solche Arm-Attrappen herzustellen, sondern er war mit dem Montieren von Skeletten betraut worden, was er gern tat. Aus großen Kästen suchte er sich die passenden Knochen heraus (natürlich waren das keine echten, sondern alle waren aus Kunststoff) und lernte dabei viel über die Anatomie des Menschen. Überall im Raum standen halbfertige und fertige Skelette. Das wirkte anfangs etwas gruselig. Aber ich gewöhnte mich schnell daran.   

Dann erinnerte ich mich an unvergessliche Biologiestunden in meiner eigenen Schülerzeit: Zwei Klassenkameraden trugen im Auftrag unseres Biologielehrers ein menschliches Skelett vorsichtig in den Biologieraum und stellten den Knochenmann auf. Leider kann ich mich nicht mehr an seinen Namen erinnern, der von Schülergeneration zu Schülergeneration weitergegeben wurde. Wir lernten viel über das Knochengerüst unseres blassen und schweigsamen  „Freundes". 

In der Pause passierte das, was viele Erwachsene noch aus ihrer eigenen Schulzeit kennen.

Einige Mitschüler dekorierten den Knochenmann. In weiser Voraussicht hatte ein Klassenkamerad entsprechende Uten-silien mitgebracht. So wurde dem Skelett eine Krawatte umgebunden, eine Sonnenbrille und ein flotter Hut aufge-setzt. Auf das Anziehen einer Hose verzichteten wir, denn dazu hätte das Skelett mitsamt Sockel angehoben werden müssen. Wir trauten uns das einfach nicht zu, da das Skelett hätte leicht umfallen können. Das wäre dann nicht mehr lustig gewesen.

Unser verehrter junger Biologielehrer kannte solche Späße schon. Anstatt uns auszuschimpfen, schaute er sich den dekorierten Knochenmann an und zupfte ihm nur ein wenig die Krawatte zurecht. Dann lernten wir noch mehr über menschliche Knochen und Gelenke.

Thomas und seine Betreuerin schilderten mir genau, wie ein Skelett montiert wurde und worauf dabei besonders geachtet werden musste.

Dann sah ich etwas, was ich vorher gar nicht beachtet hatte:

Auf jedem Skelett befand sich oben auf dem Schädel ein Namensschild in der Form eines Fähnchens. Auf einem stand "Irmchern". 

Ich sagte zu Thomas' Betreuerin: „Das ist aber ein lustiger Name für ein Skelett.“ 

Sie erwiderte: „Ich bin das Irmchen. Wir befestigen diese Namensschilder auf den Skeletten, damit wir am nächsten Tag sofort wissen, wo wir unsere Arbeit fortsetzen müssen.“

 

 

 

 

 

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