Nr. 42: Das Wurzelknöchelchen

Im Sommer 2013 war ich zum runden Geburtstag der Tochter von lieben Verwandten eingeladen. Sie hatten mich gebeten, für Ihre Jennifer (so nenne ich sie jetzt einfach mal) etwas Humorvolles vorzutragen. Da ich bei einigen meiner Verwandten und Freunde den Ruf habe, mir vieles aus deren Leben gemerkt zu haben, wollte ich gern diesen Ruf bestätigen. 

Die Anregung zu meiner kurzen Laudatio erhielt ich etwa 18 oder 19 oder 20 Jahre vorher. 

Nach der Gratulation und allen guten Wünschen zum Geburtstag trug ich vor: 

„Liebe Jenny, eines Tages, Du warst in der 5. oder 6. Klasse, kam ich mittags ziemlich „alle“ aus der Schule nach Hause. Dieser Zustand der Erschöpfung wechselte augenblicklich in den Zustand des Hellwachseins, und das kam so: 

Das Telefon klingelte. Ich nahm den Hörer ab und hörte die aufgeregte Stimme Deiner Mutter. Nun kannte ich es ja schon, dass Deine Mutter zuweilen eher etwas emotional reagiert und dachte mir nichts Schlimmes dabei.

Als sie aber sagte: „Stell Dir vor, was heute passiert ist“, da war ich sehr betroffen und machte mich auf eine schlimme Nachricht gefasst. Deine Mutter informierte mich: 

„Da kommt doch Jenny heute mit einer Bioarbeit nach Hause. Da sollten die Handknochen beschriftet werden. Und weißt Du, was sie geschrieben hat?“

„Nein, aber Du wirst es mir bestimmt gleich sagen.“ „Ja, sie hat geschrieben 'Wurzelknöchelchen' “.

Ich bin Ärztin, und unsere Jennifer schreibt so was in der Bioarbeit! Das muss ausgerechnet uns passieren! Das darf doch wohl nicht wahr sein! Das gibt es doch nicht!“

Ich riss mich gewaltig zusammen und lachte nicht. Das hätte den Gemütszustand meiner verehrten Anruferin nur noch verschlimmert. Also sagte ich ganz väterlich: 

Nun beruhige Dich doch mal. Das ist doch nicht so schlimm. Vielleicht hat Jennifer ja tatsächlich ein Wurzelknöchelchen. Du kannst auch von einem Kollegen Jennys Hand in drei, vier, meinetwegen auch in fünf Ebenen röntgen oder Jenny in die Röhre schieben lassen, um ganz sicherzugehen."

Instinktiv hatte ich wohl dank meiner langen Berufserfahrung genau richtig reagiert, denn Jennifers Mutter beruhigte sich. 

Sie hatte mich angerufen, weil sie meinte, ich als Lehrer wisse Rat in solchen schwierigen Lebenslagen. 

Dass ich selbst einmal in Klasse 9 das Fachwissen meines Biolehrers mit der Erkenntnis bereicherte „Eine Koralle besteht aus Löchern“, verschwieg ich ihr vorsichtshalber, um ihr Weltbild und ihre gute Meinung von mir nicht zu erschüttern. Meine Koralle wurde mir jahrelang um die Ohren gehauen, sogar noch auf einem runden Abiturjubiläum im letzten Jahr.

Liebe Jenny, trotz Deines vermeintlich eklatanten Fehlers in Deiner Bioarbeit oder gerade deshalb, weil Du den Dingen auf den Grund gehen wolltest, reifte in Dir der Entschluss, Medizin zu studieren und Dich auf Radiologie zu spezialisieren wie einst Dein Vater, mein verehrter jüngster Bruder. In diesem Fachgebiet kommt es ganz besonders auf sehr detaillierte Anatomiekenntnisse an. Das wissen wir doch alle. 

Wie aus gut informierten Medizinerkreisen verlautet, bist Du eine tüchtige Ärztin geworden.

Aber, was Du trotz Deines beeindruckenden Fachwissens vermutlich nicht weißt, ist die Tatsache, dass Du Dich mit Deiner damaligen Beschreibung auf anatomisches Neuland wagtest, denn das 'Wurzelknöchelchen' existiert! 

Es kommt allerdings nur bei ganz wenigen Frauen vor, liegt so im Bereich von 1 auf 5 Millionen. Es müsste also in unserem Land achtmal vorkommen. Bei Männern wurde es noch nicht nachgewiesen. 

Nach monatelangem Suchen ist es mir gelungen, eines zu finden. Hier ist es. Es ist ein stark vergrößertes Modell, das sich für Schulungszwecke in Münchhausen bewährt hat. 

Das 'Wurzelknöchelchen' trägt den lateinischen Namen 'Ossulum radicale' und wurde zwischen 'Os lunatum' und 'Os triquetrum' lokalisiert." 

Nach meiner kleinen Ansprache überreichte ich meiner Verwandten die folgende Skizze: Handwurzelknochen: Ossa carpi der rechten Hand mit angrenzenden Unterarm- und Mittelhandknochen, Dorsalansicht 
                                    A) Ohne Wurzelknöchelchen           B) Mit Wurzelknöchelchen

Medizinstudenten kennen den folgenden Merksatz, der ihnen hilft, sich die Namen der Handwurzelknochen einzuprägen:

„Ein Schifflein fuhr im Mondenschein ums Dreieck und ums Erbsenbein. Vieleck groß und Vieleck klein, der Kopf der muss am Haken sein.“

Zur Erläuterung:

Schifflein: Os scapholdeum (Kahnbein), sieht aus wie ein Kahn.

Mondenschein: Os lunatum (Mondbein), sieht in der seitlichen Röntgenaufnahme wie ein 1/3 Mond aus.

Dreieck: Os triquetrum (Dreiecksbein)

Erbsenbein: Os pisiforme: in Form und Größe einer Erbse ähnlich

Vieleck groß: Os Trapezium (Großes Vieleckbein)

Vieleck klein: Os Trapezoideum (Kleines Vieleckbein)

Kopf: Os capitatum (Kopfbein)

Haken: Os hamatum (Hakenbein). Der Fortsatz sieht aus wie ein Hakenbein

Vielleicht wird eines Tages das Wurzelknöchelchen in den beliebten Merksatz implantiert.

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