Nr. 40: Der Schrank

Am 26. Januar 1987 streifte plötzlich ein ganz junger rotgestromter Kater durch unsere Reihenhaussiedlung und erkundete die Situation. Schnell nahm er immer engeren Kontakt zu einer Nachbarsfamilie und uns auf. Er suchte sich ein neues Zuhause, war offensichtlich ausgesetzt worden, weil seine ehemaligen Menschen ihn nicht mehr mochten. Der lebhafte kleine Kater war vermutlich ein nicht mehr erwünschtes Weihnachtsgeschenk. Er war im buchstäblichen Sinne sehr anhänglich, denn er hakte sich gern mit seinen Krallen in Pullover und Polstermöbel ein. Beim Spiel mit seinen neuen Menschen zwickte und kratzte er gern, aber nie ernsthaft. 

Unsere Nachbarn und bald auch wir gewährten ihm erst Asyl, dann Dauerwohnrecht und bürgerten ihn ein, was ihm sehr gefiel. Er fühlte sich in beiden Reihenhäusern und Gärten zu Hause. Mittags wartete er geduldig auf mich unter einem Busch am Garagenhof und erkannte mein Auto am Geräusch. Dann gingen wir gemeinsam nach Hause. 

Einmal entdeckte ihn Krümel, so hieß der Hund, an dem wir vorbeigehen mussten. Krümel bellte jedesmal aufgeregt hinter dem Zaun, wenn er den Kater sah. Bekanntlich mögen viele Hunde keine Katzen und umgekehrt.

Eines Tages versteckte sich der schlaue Kater beim Weg nach Hause hinter meiner großen Schultasche, so dass Krümel ihn erst wieder sehen konnte, als wir unmittelbar vor unserem Haus waren.

Übrigens erhielt Krümel seinen Namen, weil er fast so groß wie ein ausgewachsener Golden Retriever war, wie mir seine Menschen verrieten. Diese Namensgebung war reichlich ironisch.

Krümel bellte auch, wenn er nur mich sah. Das konnte ich ihm erstaunlich schnell abgewöhnen. Ich ging einmal zu ihm an den Zaun und sagte ganz freundlich: „Gib nicht so an und lass' das Bellen, ich wohne hier schon länger als du.“ Ich muss wohl den richtigen Ton getroffen haben, denn bereits am nächsten Tag wartete Krümel schwanzwedelnd hinter seinem Zaun, und ich durfte ihn sogar streicheln. 

Als er dann einen Kumpel, also einen anderen Hund, ins Haus bekam, muss er wohl dem neuen Freund erzählt haben, dass ich harmloser bin als ich aussehe. Beide Hunde begrüßten mich seitdem freudig, sprangen um mich herum und wollten mit mir spielen.

Eines Tages fragte mich ein Nachbar vorwurfsvoll, warum ich denn so spät nach Hause komme. Der Kater warte schon seit zwei Stunden unter dem Busch auf mich. Ich entgegnete entschuldigend, ich habe ihm gesagt, dass es wegen einer Lehrerkonferenz später werde. Er habe wohl nicht genau zugehört.

Wie dem auch sei, es blieb einem anderen Nachbarn nicht verborgen, dass wir uns so innig um den Kater kümmerten. Der Nachbar riet uns dringend, Abstand zu halten. Das könne sonst schwierig werden, denn eines Tages entdeckte er, dass eine Katzenmami seinen Schlafzimmerschrank zur KInderstube umgewidmet und dort ihre Jungen zur Welt gebracht hatte.

Damals wohnte dieser Nachbar noch in einem anderen Stadtteil und arbeitete als Platzwart. Die Wohnung im Vereinshaus muss leicht zugänglich gewesen sein.

Dieses Erlebnis mit der Katzenfamilie war für unseren Nachbarn traumatisch. Obwohl ich beteuerte, mein miauender vierbeiniger Freund sei ein Kater und eindeutig als männliches Tier zu erkennen, war er doch damals noch komplett ausgestattet, sagte mein Nachbar: „Ja, aber trotzdem."

 

 

Wir kamen übrigens nie dazu, dem Kater, der die Nachbarn und uns adoptiert hatte, einen Namen zu geben. Er war einfach das „Katerle“. 

Einige Fotos von ihm habe ich in meine Homepage eingefügt. 

Sie erinnern mich an diesen lieben treuen Freund. 

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