Nr. 33: Das EKG
Ich war mal wieder beim gründlichen jährlichen „Gesundheits-TÜV“.
Frau O., die Arzthelferin, geleitete mich zum EKG in einen Raum, der mir reichlich eng vorkam. Ich gab zu bedenken, dass da nicht genug Platz für meine langen Beine sei.
Frau O., deren Schlagfertigkeit und Humor die Patienten schätzten, konterte: „Sie können doch Ihre Beine aus dem Fenster hängen lassen. Wenn dann Ihre Frau vorbeikommt, dann weiß sie gleich, dass sie noch beim EKG sind.“
Offensichtlich war sie davon überzeugt, dass mich meine Frau nicht nur am Gesicht und der Stimme, sondern auch an den Füßen erkenne. Das habe ich nie überprüft.
Da Frau O. doch eher etwas frech zu mir war, beschloss ich, mich eines Tages zu revanchieren.
Die Gelegenheit dazu kam schneller als vermutet, denn ich musste mich in der Praxis von Frau O. verkabeln lassen, d.h. 24 Stunden lang ein Langzeit-EKG-Gerät tragen.
Mein Hausarzt meinte, das sei ganz sinnvoll, da ich ja nun auch schon etwas in die Jahre gekommen sei. Jahresringe hatte ich aber noch nicht angesetzt.
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Wie dem auch sei, Frau O. hatte Unglaubliches erfahren, obwohl sie nicht leicht zu erschüttern war.
Ein Patient löste zu Hause die Kabel von den Elektroden und vom Gerät und warf die Kabel in die Mülltonne.


Das Gerät lieferte er in der Praxis ab.
Er „durfte“ zu Hause in die Mülltonne tauchen, die Kabel reinigen und bei Frau O. abliefern.
Ein anderer Patient entschied sich für die schnelle Lösung, durchschnitt die Kabel und entsorgte sie mit dem Hausmüll.
Das wurde teuer, denn er musste die neuen Kabel bezahlen. So steht es auch auf den EKG-Protokollbögen, die von den Patienten ausgefüllt werden.
Folgerichtig schärfte mir Frau O. ein, ich möge doch, bitte sehr, nicht so unüberlegt handeln wie die Patienten, die sie ausführlich gewürdigt hatte.
Ich gelobte Wohlverhalten.
Am nächsten Tag betrat ich wieder die Arztpraxis, wartete brav, bis ich an der Reihe war und sagte dann fröhlich zu Frau O.: „Guten Morgen, Frau O., ich bringe Ihnen die Kabel zurück.“
Sie schaute mich ungläubig und suchend an. „Und das Gerät?“ „Ach so, das habe ich in die Mülltonne geschmissen.“
Das lange Training im Klassenzimmer - Lehrer sollten nicht nur „Löwenbändiger“, sondern auch gute Schauspieler sein - zahlte sich endlich mal aus, denn ich muss wohl sehr überzeugend gewirkt haben.
So ließ ein gewaltiges Donnerwetter, natürlich gespielt, nicht lange auf sich warten.
Um eine Eskalation zu vermeiden, lieferte ich schnell noch das Gerät ab, das ich in einer undurchsichtigen Tüte zwischengelagert hatte. Das Gerät und die Kabel waren in Ordnung, Frau O. und ich auch.
Aber sie schien danach doch erst genau zu überlegen, wie ihre nächste spitze Bemerkung wohl auf mich wirken würde. Die Kröte hatte sie geschluckt.
Eine Nachbarin hat in einer kardiologischen Praxis schon oft Patienten mit Langzeit-EKG-Geräten verkabelt. Sie hat dabei dieselben Erfahrungen mit unbedarften Patienten gemacht wie Frau O., meine Arzthelferin.
Sie fügte hinzu, einige Patienten würden sogar mit dem angelegten Gerät duschen. Meine Internetrecherche ergab, dass ein solches Hochleistungsgerät wesentlich mehr als ein Heimcomputer kostet.
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In dieser Hausarztpraxis, die von zwei Brüdern geführt wurde, fühlte ich mich sehr gut behandelt, medizinisch und menschlich. Eines Tages entdeckte ich, dass auf einer Rechnung der Betrag für die Grippeschutzimpfung nicht eingetragen war. Also teilte ich das per Brief den beiden Ärzten mit und bat um eine revidierte Rechnung, „nicht zuletzt, damit ich wieder mit ruhigem Gewissen einschlafen kann".
Einer der beiden Ärzte rief mich an und lachte über meine humorvolle Bemerkung. Dann wurde mir die neue Rechnung zugeschickt mit dem Vermerk „... in der Hoffnung, dass es jetzt mit dem Einschlafen wieder besser klappt." Diese Hoffung erfüllte sich.
Leider habe ich auch erlebt, dass zwei Arztpraxen versuchten, möglichst viel Geld von mir, dem Privatpatienten, zu erschleichen. In einer Praxis wurde mir bei jedem neuen Rezept eine Beratung in Rechnung gestellt, die überhaupt nicht erfolgte. Eine andere Praxis rechnete Laborkosten gleich doppelt ab, was ich nicht sofort bemerkte. Es dauerte 3 Monate, bis mir der zuviel bezahlte Betrag überwiesen wurde, aber erst nachdem ich diesen Fall von Abrechnungsbetrug der Ärzte-kammer gemeldet hatte. Übrigens hielten es diese „Weißkittel" nicht für nötig, sich zu entschuldigen.
Eine Zahnärztin „buddelte" (so nannte sie es) die Reste eines abgebrochenen Zahns aus. Ich bemerkte nicht, dass dabei eine spitze Nadel abbrach und ein Teil davon im Kiefer verblieb. Die Folge war nach einigen Jahren eine eitrige und sehr schmerzhafte Entzündung, die vom Kieferorthopäden behoben wurde. Auf dem Röntgenbild sah er sofort den Fehler der Zahnärztin, die inzwischen längst im Ruhestand war und nicht mehr belangt werden konnte. Sie hätte sich bei mir ent-schuldigen müssen, als ihr das Missgeschick passierte, das sie sicherlich bemerkte, als sie ihr kaputtes „Buddelwerkzeug" aus dem KIefer zog. Nein, eine Entschuldigung hielt sie nicht für nötig.
Es ist heutzutage kaum noch möglich, bei einem akuten Fall in eine Arztpraxis zu gehen und sofort behandelt zu werden. Man muss sich per Internet oder telefonisch anmelden und beim Telefonieren viel Geduld aufbringen, weil man in eine Warteschleife gerät. Regelmäßig - etwa alle 20 Sekunden - verkündet eine Automatenstimme: „Bitte bleiben Sie am Apparat. Sie werden verbunden." Dazu kann ich nur zynisch sagen: „Ich brauche keinen Verband, sondern einen Termin." Das Warten dauert häufig sehr lange.
Immer wieder werden Rezepte unvollständig oder sogar falsch ausgestellt. So kontrolliere ich vorsichtshalber noch in der Arztpraxis die Rezepte.
Warum hat sich das alles so geändert? Finden Arztpraxen nicht mehr geeignete Arzthelferinnen und Arzthelfer?
