Nr. 32: Das fliegende Bettgestell
Mitte der achtziger Jahre fuhren ein Kollege und ich mit unseren 6. Klassen auf eine Klassenreise nach Rinteln. Von der Jugendherberge aus unternahmen wir mehrere Ausflüge. In der DJH boten einige Busunternehmen günstige Fahrten an. Diese Unternehmen brachten regelmäßig Arbeitskräfte zu Firmen außerhalb Rintelns und holten sie am späten Nachmittag zurück. Auf dem morgendlichen Rückweg fuhren die Busse gewöhnlich leer. In der Zeit zwischen den beiden Dienstfahrten konnten die Busfahrer also auch kurzfristig andere Fahrten übernehmen. Der Fahrpreis war besonders günstig. Für die Busunternehmen war das allemal besser, als die Busse tagsüber leer stehenzulassen.
So gelangten wir bequem zum Hubschraubermuseum in Bückeburg. Unser Herbergsvater hatte uns den Besuch dringend empfohlen. Ein Besuch des Museums ist sehr lohnend http://www.hubschraubermuseum.de
Das Hubschraubermuseum, damals wesentlich kleiner als heute, beeindruckte uns sehr. Zwar hatten alle Kinder schon mehrmals Polizeihubschrauber und Rettungshubschrauber über Hamburg fliegen sehen und vor allem knattern gehört, aber die Kinder wussten nichts über die Entwicklungsgeschichte dieser faszinierenden Luftfahrzeuge.
Der Film, der uns im Hubschraubermuseum gezeigt wurde, füllte diese Wissenslücke.
Am besten gefiel den Kindern ein Fluggerät, das einem fliegenden Bettgestell ähnelte. Sie konnten sich gar nicht wieder einkriegen vor Lachen. Diese Flugmaschine sollte sich vertikal vom Boden erheben. Aber es blieb bei ruck-artigem Gehopse. Der Versuch, die Erdanziehungskraft zu überwinden, schlug gründlich fehl.


Dieser Film blieb nicht ohne Folgen.
Abends in der Jugendherberge hörte ich nach dem Abend-essen ungewöhnliche laute Geräusche aus einem der bei-den Sechserzimmer der Jungen, was mich natürlich sofort anlockte. Schon in Klasse 6 mussten wir Lehrer auf Klassen-reisen mit allem rechnen. Zum Beispiel wollte auf einer anderen Klassenreise ein frühreifer Junge weit nach Mitter-nacht einer Klassenkameradin angeblich ein Buch bringen. Es war sein Pech, dass wir Lehrer ihn rechtzeitig auf der Treppe zum Mädchentrakt abfingen.
Nun aber zurück zu dem Lärm der Jungen. Ich schlich mich an das Zimmer, vergrößerte unbemerkt den Türspalt und sah dem Treiben einige Zeit zu, bis ich entdeckt wurde. Meine Klasse kannte schon meine Frage: „Bin ich wieder zu laut?“ - „Nein!“ - „Nun, dann seid ihr das. Was ist hier los?“ Einige Jungen, umringt von fast der ganzen Klasse, hopsten kräftig auf den Betten herum und erprobten verschiedene olympiareife Sprungtechniken. Damals waren es tatsächlich noch Betten mit eisernen Gestellen, die so einiges aushielten.

Die Springer klärten mich auf: „Wir haben doch den voll coolen Film mit dem fliegenden Bettgestell gesehen. Wir wollen doch bloß probieren, ob sich unsere Betten abheben.“ Eine andere Stimme war zu hören: „Vielleicht können wir mit unseren voll geilen Bettgestellen fliegen.“ (Anmerkung: Um einer Aussage besonderes Gewicht zu geben, wurde damals gern „voll“ hinzugefügt. Das Wort „geil“ kam ohnehin in jedem zweiten Satz der Schüler vor.)
Ich entgegnete: „Mal sehen, wie weit ihr kommt. Ich jedenfalls fahre wieder mit dem Bus nach Hamburg. Die Parallelklasse auch.“ Vorsichtshalber riet ich den Jungs, nach dem Lüften gleich die Vorhänge zuzuziehen, damit der Mond sie nicht dazu verleite, mit ihren Betten aus dem Zimmer zu fliegen und ihn zu besuchen. Sie alle kannten Peterchens Mondfahrt, obwohl sie natürlich nicht mehr an Märchen glaubten. Aus diesem Alter waren sie längst heraus, meinten sie jedenfalls.
Wie schon bei Reisebeginn geplant, wanderten wir am nächsten Tag stundenlang durch den Wald. Für so manches meiner Großstadtkinder war das eine völlig neue Erfah-rung.
Der Einzug der Fernsehgeräte in die Wohnzimmer hatte längst den Familienkreis auf einen Halbkreis vor der „Glotze“ reduziert.
In einigen Familien waren noch nie gemeinsame Wande-rungen, geschweige denn im Wald, unternommen worden. Schade! In Hamburg und im Umland gibt es viele schöne Wälder.
Abends waren die Kinder viel zu müde, um wieder fliegen-des Bettgestell zu spielen.
Ich weiß nicht, ob die Jungs nach der Klassenreise in ihren Kinderzimmern die Flugexperimente fortsetzten, vermute aber, dass so manche Matratze daran glauben musste und die Bettgestelle unter heftigem Wackelkontakt litten. Ich kannte doch meine lieben Rabauken.

