Nr. 30: Spaghettieis

Wir trafen uns mal wieder in der uns vertrauten norddeutschen Kleinstadt. Nach dem Mittagessen in einem Landgasthof nutzten wir das schöne Sommerwetter zu einem langen Spaziergang. 

Als wir uns auf dem Rückweg zur Stadt der großen Einkaufsstraße näherten, bildeten sich zwei Gruppen: Die eine bestand aus drei Frauen und die andere aus zweieinhalb Männern. Der halbe Mann war der dreizehnjährige Jan, so nenne ich ihn jetzt einfach mal. 

Diese Gruppierung kam zwangsläufig, denn die drei Frauen hatten die Angewohnheit, im Zickzack über die Einkaufsstraße zu gehen, um nur nicht eines der hübsch dekorierten Schaufenster auszulassen. Damals waren die vielen Einzelhandels-geschäfte noch nicht von den langweiligen Filialen der großen Discounter verdrängt worden, die keine Schaufenster haben. 

Wir Männer gingen schon voraus und wollten in unserem beliebten Eiscafé warten. 

Natürlich wählte Jan sein Lieblingseis, das wie Spaghetti aussah. Er bestellte die kleinere Portion, die damals in der guten alten DM-Zeit so etwa 3,50 DM kostete. 

Als ich nach der Bestellung sagte: „Ich lade Euch alle zum Eisessen ein“, winkte er die Kellnerin heran und änderte seine Bestellung: „Ich nehme jetzt doch das große Spaghettieis“. Vermutlich kostete es so um die 6,- DM. Mir war es recht.

Ich vermutete, dass Jans Eiskonsum in jenem heißen Sommer dramatisch gestiegen war und ein großes Loch in das Familienbudget riss. Jans Vater hatte wohl dann eines Tages eine Obergrenze für den Eiskonsum festgelegt. Bis dahin werde er das Eis bezahlen. Jedes zusätzliche Eis sollte Jan von seinem Taschengeld bezahlen.

Nun ist es allseits bekannt, dass am Ende des Taschengeldes meistens noch viel Monat übrig ist.

Dagegen musste ich etwas tun. Also riet ich Jan, er solle doch seinen Vater darauf hinweisen, bei der nächsten Festlegung des Taschengeldes einen angemessenen Inflationsausgleich mit einzuarbeiten. 

Bei der nächsten Budgetierung des Familienetats berücksichtigte Jans Vater nicht nur die jährliche Erhöhung, sondern auch den angemahnten Inflationsausgleich. Er wusste, dass er keinen überzeugenden Grund dagegen finden würde. 

Er sagte es mir nie, aber ich vermute, dass Jans Vater wusste, von wem dieses entscheidende Argument kam. 

Bereits früher einmal hatte ich ein solches Erfolgserlebnis. Im Sozialkunde-unterricht behandelte ich in meiner 10. Klasse einige wirtschaftliche Grund- probleme. Dabei sprachen wir auch über Inflation und Inflationsausgleich, der eigentlich auch für das Taschengeld gelten müsse. Das überzeugte meine Klasse sofort. Auf dem nächsten Elternabend kam beim Tagesordnungspunkt „Verschiedenes“ ein Vater darauf zurück und fragte mit gespielter Empörung, was ich denn meinen Schülern in der Unterrichtseinheit „Wirtschaft“ beigebracht hätte. Er fügte hinzu, er habe die geforderte Taschengeld-erhöhung seines Sohnes gar nicht ablehnen können. Einigen anderen Eltern ging es auch so.

Was ist aus dem kleinen Jan geworden? 

Nach der Mittleren Reife ließ er sich zum Einzelhandelskaufmann ausbilden, arbeitete danach in der Lebensmittelabteilung eines Supermarktes. Dann wurde er für die Tiefkühlabteilung verantwortlich. Er brachte dafür die besten Voraussetzungen mit, denn er war ausgesprochen cool. 

Jans Karriere ging noch weiter: Vom stellvertretenden Leiter stieg er zum Leiter des Supermarktes auf. 

Sein Arbeitsplatz befindet sich übrigens ganz in der Nähe des erwähnten Eiscafés.

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