Nr. 28: Rand oder Spitze?

Vor langer Zeit fand meine Schwester ihren Mann fürs Leben. Eines Tages durfte sie den Glücklichen zum ersten Mal mit zu uns nach Hause bringen. Wir saßen am Kaffeetisch. Meine Eltern, meine Brüder und ich waren neugierig auf den neuen Gast, wollten herausfinden, was das wohl für einer war. Es gab leckere Obsttorte.

In unserer Familie aßen wir ein Tortenstück von der Spitze her. Wir kannten es nicht anders. Die Tortenstücke wurden dementsprechend auf unseren Tellern platziert. 

Aber was tat unser Gast? Es ist unglaublich, aber wahr: Er drehte seinen Teller so lange im Uhrzeigersinn, also um 180 Grad, bis der bogenför-mige Rand des Tortenstücks direkt auf ihn zeigte. Dann arbeitete sich mein zukünf-tiger Schwager löffelweise genüßlich bis zur Spitze vor. 

Wir verfolgten gebannt dieses Geschehen. Es war unfassbar, und wir hielten uns mit lästerlichen Bemerkungen nicht zurück, fragten uns insgeheim, ob er denn überhaupt in unsere Familie passe. 

Der Familienrat wurde zu einer außerplanmäßigen Sitzung einberufen. Einziger Tagesordnungspunkt: Rand oder Spitze? 

Wir tauschten verschiedene Meinungen aus. Meine Mutter beschwichtigte: „Das ist nur vorübergehend. Das wächst sich noch aus.“ 

Mein Vater riet zu Besonnenheit: „ Wir müssen an den Tortenstücken dranbleiben und behutsam die Änderung herbeifüh-ren. Wir müssen sehr geduldig sein.“ Er bekräftigte seinen Standpunkt mit der berühmten Lebensweisheit Ovids: „Gutta cavat lapidem non vi sed saepe cadendo.“ („Der Tropfen höhlt den Stein nicht durch Kraft, sondern durch stetes Fallen.“) Unser Vater konnte auf fundierte Lateinkenntnisse zurückgreifen. 

Ich fügte Porphyrios Mahnung hinzu: „Amici mores noveris, non oderis.“ („Die Eigenheiten des Freundes soll man erkennen, aber nicht hassen.“

Einer meiner Brüder spielte den Falken, vertrat also die harte Linie:

„Stellt ihm ein Ultimatum. Wenn er es nicht erfüllt, dann dreht ihm den Tortenhahn ganz zu!“ 

Dies wurde sofort von einem anderen Bruder mit dem pfiffigen Vorschlag verworfen : „Gebt ihm nur noch rechtwinklige Tortenstücke. Damit nehmen wir ihm den Wind aus der Torte - äh-, ich meine 'aus den Segeln'.“ 

Da warf ich ein, es sei unmöglich, eine kreisförmige Torte ohne Verschnitt in rechteckige Stücke zu schneiden. Das sei die Quadratur des Kreises. Ich verwies auf meine Erfahrungen, die ich in England mit dreieckigen Sandwichs gemacht hatte. Schließlich studierte ich Anglistik und war auch mit den primären englischen Kulturtechniken vertraut, lernte zum Beispiel früh, dass eine Gabel gedreht und nicht wie auf dem Kontinent als Schaufel benutzt wird. Ich führte aus: „Die englischen Sandwichs haben die Form gleichschenkliger Dreiecke, die an der Basis (gewöhnlich mit „c“ bezeichnet) ergriffen und von der der Basis gegenüberliegenden Spitze (gewöhnlich mit „C“ bezeichnet) her gegessen werden. Aus praktischen Gründen wird ein Sandwich nicht an der Spitze angefasst. Es würde instabil, herunterklappen und auseinanderbrechen. Dann hat man den Salat!“ 

Mir wurde sofort heftig widersprochen: „Du glaubst doch nicht im Ernst, dass unser Gast die Tortenstücke mit der Hand anfasst!“ Ich entgegnete kleinlaut: „Man weiß ja nie, er kommt ja schließlich aus Wilhelmsburg, einem Hamburger Stadtteil südlich der Elbe. Die Wilhelmsburger durften doch erst am 1.4.1937 Hamburger werden. Dafür gab es sicher gute Gründe." Vielleicht war die geschilderte eigenwillige Verzehrtechnik der Wilhelmsburger ein entscheidender Grund und galt als Verstoß gegen die bewährten Grundsätze der deutschen Leitkultur.

Nein, so war es nun wirklich nicht! 

       Informationen zum Groß-Hamburg-Gesetz:                                                                                                                                                                     1) ausführliche Informationen: ---> https://www.stormarnlexikon.de/grosshamburggesetz/                                                                   2) Karte, die die Veränderungen des Hamburger Gebiets zeigt:                                                                                                                                    ---> https://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9F-Hamburg-Gesetz                                                                                                                     3) gut recherchierter Text und Karte:                                                                                                                                                                                         --->   https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/1937-Nazis-machen-Hamburg-zur- Metropole, grosshamburg.html             Auszug: aus 3):

         "Das Groß-Hamburg-Gesetz wurde am 26. Januar 1937 erlassen und trat am 1. April 1937 in Kraft. Es vergrößerte Ham-         burg erheblich, indem es die bisher preußischen Städte Altona, Harburg-Wilhelmsburg und Wandsbek sowie zahlreiche         Gemeinden und Gemeindeteile eingemeindete. Im Gegenzug musste Hamburg Gebiete wie Cuxhaven und einige                       schleswig-holsteinische Exklaven abtreten. Dieses Gesetz wurde erlassen, um territoriale Verhältnisse zu bereinigen,               und hatte weitreichende Folgen für die Stadt- und Landesgrenzen, die bis heute bestehen."                                                              

Nach diesem historischen Exkurs nun zurück zu unserem Kaffeetisch: Mit meiner lästerlichen Bemerkung über die Esstechnik meines zukünftigen Schwagers handelte ich mir einen strafenden Blick meiner Schwester ein. 

Und was meinte sie zu unserer kontrovers geführten Diskussion? Ihr war es völlig egal, wie ihr Zukünftiger ein Tortenstück anging. Sie akzeptierte seinen Traditionsbruch. Ihr Hauptaugenmerk galt ohnehin ihrem Freund und nicht der Obsttorte. Alle unsere weiteren Überzeugungsversuche waren vergeblich. Der junge Auserwählte meiner Schwester war lernresistent. 

Deswegen kam es so, wie es kommen musste: Eines Tages nahm mein Vater meine Schwester beiseite und fragte sie gespielt ernsthaft: „Und den willst du wirklich heiraten?“ Sie wollte. Und was lernten wir daraus? - Irgendwann gaben wir auf. Es gibt eben im Leben immer wieder Dinge, die man nicht ändern kann. Die muss man einfach so akzeptieren. Noch heute verzehrt mein einzigartiger Schwager so einen wie ihn gibt es nicht noch mal Tortenstücke auf seine Art. 

Trotzdem verstehen wir uns bestens. Übrigens ergab die Befragung einiger Mitmenschen Ende Juli 2013, dass sie Torten-stücke von der Spitze her essen, ausnahmslos. Eine Nachbarin bekräftigte naserümpfend: „Ich kenne keinen einzigen Menschen, der so was tut." Sie meinte damit die Angewohnheit, ein Tortenstück vom Rand her zu verzehren. Vielleicht sollte ich ein gemeinsames Kaffeetrinken arrangieren, damit sie einen solchen Menschen kennenlernt.  Als mir diese Nachbarin einige Tage nach meiner Befragung wieder über den Weg lief, setzten wir unser Fachgespräch fort.

Meine Nachbarin hatte das Problem noch einmal gründlich durchdacht und trug die folgenden Erklärungen vor, die mich sofort überzeugten:                                                                                                                                                                                                                      - Das Verhalten deines Schwagers beruht auf Gewohnheit.                                                                                                                                      - Es hat einen technischen Grund. Wenn man mit dem Tortenheber ein Tortenstück auf den Teller legen will, dann kann       man den Tortenheber nicht von der Spitze her unter das Tortenstück schieben.                                                                                         - Es ist auch eine Frage der Stabilität. Beginnt man mit dem Verzehr am Rand des Tortenstücks, dann kann der Rest sehr     leicht umkippen, weil er keinen Halt mehr findet. 

Aktualisierung Anfang August 2013 : Gemeinsam mit einigen anderen Verwandten genoss ich Anfang August mal wieder die Gastfreundschaft meiner Schwester und ihres Mannes. Nach dem Kaffeetrinken – es gab leckere Torten – nutzte ich die günstige Gelegenheit und trug meine Beobachtung „Rand oder Spitze?“ vor. 

Mit großer Genugtuung sah ich, dass mein Schwager sein Tortenstück von der Spitze her verzehrte. War das seine nach-trägliche Einsicht? Hatte es sich tatsächlich ausgewachsen wie meine Mutter einst versicherte?

Trotz dieser erfreulichen Entwicklung unterbrach mein Schwager sofort meinen Vortrag, um Stellung zu beziehen. Die Fran-zosen würden sagen: „Qui s’excuse, s’accuse.“ („Wer sich entschuldigt, klagt sich an.“). Meine Mutter würde kommentieren: „Der getroffene Hund gaukst.“ (Zur Erläuterung: „gauksen“ ist ein ostmitteldeutsches Verb für „heulen, jaulen“.) 

Ich gab ihm zu verstehen, er möge mich doch erst bis zu Ende anhören, danach könne er Punkt für Punkt seinen Frust abarbeiten. Die Erklärung meines Schwagers war so: „Ich habe damals am Rand angefangen, weil ich mir sagte: 'Was ich habe, das hab' ich'.“ 

Meine Geschichte kam übrigens sehr gut an und löste eine lange lustige Diskussion aus. Dann widmeten wir uns anderen Themen. Abends gab es doppelte Matjes, komplett mit Kopf und Schwanz. Um ja nicht gegen die Etikette zu verstoßen (Knigge lässt grüßen), fragte ich scheinheilig, ob es da vielleicht eine allgemein übliche Verzehrtechnik gebe, also „Kopf oder Schwanz - head or tail?“ 

Damit trat ich wieder eine Diskussionslawine los. 

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