Nr. 27: Das Pferd

Ort: BallinStadt - Das Auswanderermuseum Hamburg 

Tag: 5. Juli 2013 Wetter: ganz ausgezeichnet 

Meine Anfangslaune: dem Wetter entsprechend

Jetzt werde ich das preisgekrönte Museum nicht beschreiben. Es wäre überflüssig, denn es gibt bereits viele lesenswerte Berichte von begeisterten Besuchern.

 Ich möchte lediglich schildern, was ich im Museum erlebte.

In einem der Räume wartet ein ausgestopftes Pferd, das einen Verkaufswagen, der mit Obst und Gemüse gefüllt ist, vor einen Lebensmittelladen gezogen hat. In regelmäßigen Abständen schüttelt das Pferd den Kopf (vielleicht über allzu neugierige Besucher) und lüpft dann in verdächtiger Weise den Schwanz. Das ist auch schon alles, also nichts Verwerf-liches.

Eine Frau sah das und herrschte trotzdem das Pferd kurz und brutal an: „Du blöder Gaul ! Scheiß' mich bloß nicht an !“ 

Igitt, wie vulgär! Mein Eindruck war, aus der werde nie eine feine Dame. Aber dafür war es bei dieser Frau im Rentenalter vermutlich ohnehin zu spät. 

Alte Leute geben nur widerstrebend ihre liebgewonnenen Gewohnheiten auf. Vielleicht stammte diese Frau vom Land, kannte sich aus mit Pferden, dachte an die alte Volksweisheit „Der Apfel fällt nicht weit vom Pferd“, hatte vielleicht als Kind eindrucksvolle Erfahrungen gemacht und deshalb Sommersprossen gekriegt. Als leichtgläubige Kinder hatten wir so eine bestimmte Vermutung, woher Sommersprossen stammen. 

Wie dem auch sei, diese Frau sollte sich wirklich einer höheren Sprachebene befleißigen. Dafür ist es nie zu spät. 

Sie hätte sich beispielsweise so äußern können: „Du edles Ross, bitte sei so gütig und achte darauf, dass deine Stoffwechselendprodukte nicht auf mich fallen, wenn du sie entsorgst.“ 

Das hätte doch gleich viel besser geklungen oder? Die soeben beschriebene Frau bemerkte mich nicht, als ich diesen Raum betrat. Sie war noch zu sehr mit dem Pferd beschäftigt. Schade, dass ich da meinen Camcorder noch nicht eingeschaltet hatte. Sonst hätte ich ihren derben Spruch für die Nachwelt nachweisbar dokumentieren können. 

Beim Imbiss im BallinStadt-Restaurant saß diese Frau mit zwei Freundinnen zum Glück weit von mir entfernt. Alle drei machten einen sehr bodenständigen Eindruck und ihre Sprache ebenfalls. Das laute, alberne präsenile Gegacker der drei Spinatwachteln störte mein Essvergnügen gewaltig. Das war einfach zum Kotzen! Meine kleine vierjährige Nachbarin - wohlerzogen und lebensklug - würde mich sofort wegen dieses Ausdrucks heftig rügen: „Das sagt man nicht!“

Ein guter Freund würde mir ins Gewissen reden: „Nun reg dich ab! Vermeide einen solchen vulgären Ausdruck! Vergiss nicht, dass du ein May bist und lass dich sprachlich nicht so herunterspielen! 

Du solltest deinen Unmut dezent ausdrücken, zum Beispiel so: 'Die etwas laute, eher auf niedrigem Niveau geführte Unterhaltung der drei älteren Frauen störte mich bei meinem Essvergnügen so sehr, dass mir fast der Imbiss wieder aus dem Gesicht fiel.' Mäßige dich also! Diese Frauen können doch nichts dafür. Sie haben eben nicht mehr zur Verfügung.“ 

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