Nr. 26: Backfisch

Freitag, 19.04.2013: 

Ich kaufte einige Wasserpflanzen in einem großen Pflanzenmarkt in Hamburg-Volksdorf. Das Sortiment ist dort sehr gut. Auch das Restaurant in diesem riesigen Gebäude genießt einen ausgezeichneten Ruf. So war es klar, dass ich es nach meinem Einkauf besuchte. Ich setzte mich an einen Zweiertisch. Am Zweiertisch links von mir saß ein älteres Ehepaar. Die Frau sagte mehrmals: „Wenn ich gewusst hätte, dass das hier so lange dauert, wäre ich hier nicht hergekommen.“ Ihr Mann sagte nichts dazu. Dann fauchte sie ihn plötzlich an: „Du bist mir eben auf den Schuh gelatscht!“ Er fragte vorsichtig nach. 

Sie wiederholte ihren schweren Vorwurf. 

Von da an saß er mit angezogenen Beinen am Tisch wie in einem der alten VW-Käfer auf der Rücksitzbank --> siehe die Karikatur unten. Das muss sehr unbequem gewesen sein. Inzwischen kam die Kellnerin zu mir. Ich hatte mir die gedünstete Lachsschnitte ausgesucht. Aber die war bereits aus, und so folgte ich dem Rat der Kellnerin und bestellte den Backfisch. Es war ja schließlich Freitag, also Fischtag. Ich konnte nicht ahnen, dass der Mann am Nachbartisch sich ebenfallls für den Backfisch entschieden hatte, und zwar angeblich bereits eine halbe Stunde früher als ich. So nahm das Verhängnis seinen Lauf.

 

 

 

 

 

Schon hatte ich mich damit abgefunden, den Rest des Tages auf mein Essen zu warten, da wurde es mir schon gebracht. 

Da fing die Frau am Nachbartisch laut an zu zetern: „Das darf doch wohl nicht sein, der ist eben erst gekommen und kriegt schon sein Essen, und wir warten schon über eine halbe Stunde!“ Die Gespräche der anderen Gäste ver-stummten schlagartig. Sie lauschten gespannt auf den Unmut der so arg Benachteiligten und Gedemütigten. 

Ich tat das, was ich am besten kann, nämlich nichts, stellte meine Ohren auf Durchzug und setzte mein ehemaliges Dienstgesicht auf. Damit meisterte ich schon so manche unangenehme Situation.

 

 

 

Die Kellnerin sagte, sie könne nichts dafür, dass die Gäste am Nachbartisch ihr Essen noch nicht erhielten. Vorsichtshalber aß ich noch nicht von meinem Backfisch für den Fall, dass er tatsächlich für den Nachbartisch gedacht war, schob ihn (den Teller) aber sicherheitshalber außer Armreichweite der Zeternden. Inzwischen hatte ich gehört, dass ihr Mann sich Back-fisch bestellen durfte. Würde sie mir also den Teller vom Tisch zerren? Würde sie das für ihren Mann riskieren? Nein, bestimmt nicht, denn er hatte sie „gelatscht“. Ich überlegte mir fürsorglich, ob ich dem hungrigen Nachbarn einen leckeren Happen anbieten sollte, quasi zur Überbrückung der langen Wartezeit. 

Das tat ich dann aber doch nicht, denn bereits in den fünfziger Jahren, in der Zeit des Wirtschaftswunders, hatte Bundes-kanzler Adenauer stolz verkündet: „Die Nachkriegszeit ist beendet.“ Der Mann am Nachbartisch machte auch keinen ver-hungerten Eindruck. Also begann ich damit, genüßlich meinen leckeren Backfisch zu verzehren, bevor er kalt wurde, denn sonst hätte ich ja gleich Sushi bestellen können.

Die Frau schickte ihren Mann zum Nachfragen an den Tresen. Er kam mit der bestürzenden Nachricht zurück, die Zuberei-tung des Essens sei nicht schneller möglich gewesen. Mit dieser Erklärung war seine Frau nicht zufrieden, verließ den Tisch und baute sich leibhaftig und wild entschlossen vor dem Tresen auf. Ein gewisser eloquenter Fußballkommentator mit magyarischem Migrationshintergrund würde angesichts dieser Körpersprache mit Kennerblick sagen: „Sie spielt rustikal nach vorn.“

Inzwischen hatte die Kellnerin die beiden Speisen angeliefert, einen Backfisch und einen Entenbraten.

Am Tresen wiederholte die frustrierte Kundin dennoch lautstark ihre Beschwerde. Sie kam mit einem Mann zurück, vermut-lich dem Chef des Restaurants. Er erklärte der Kundin sehr freundlich, warum es so lange gedauert habe. Der Entenbraten sei frisch zubereitet worden. 

Ich befürchtete, gleich werde sie ihre im Nahkampf bewähr-ten Boxhandschuhe anziehen und mit ihrem eindrucksvol-len Rechtsausleger dem Chef gewaltig eins auf die Nase donnern.

Was hatte sie außerdem vor? Vielleicht dies?

Aber zum Glück beherrschte sie sich.

 

 

Auf die Idee, dass beide Speisen gleichzeitig an den Tisch gebracht werden - wie in guten Restaurants üblich - , damit das Ehepaar gemeinsam essen kann, kam sie nicht. Diese feine Sitte kannte sie wohl auch nicht. So wurde der Chef in rüdem Ton arg gescholten: „Sie hätten mir das sagen müssen, dass das so lange dauert!“ Sie konnte sich nicht beruhigen, und ich befürchtete, ihr Essen werde kalt. Ihr Mann sagte nichts dazu. Er machte ohnehin eine verschüchterten Eindruck, durfte wohl nur etwas sagen, wenn es ihm seine Frau erlaubte. Jetzt tat er mir leid. Es war kein guter Tag für ihn. Erst „latschte“ er seiner Frau auf den Schuh und dann noch das verspätete Essen! 

Möglicherweise täuschte ich mich, und es war in Wirklichkeit so: Beide waren ein eingespieltes Team. Er hatte schon so manches Mal widerborstige Gegner mit der Frage besänftigt: „ Wollen wir uns friedlich einigen oder soll ich meine Frau holen?“

Vielleicht hatte er seine Frau bereits kennengelernt, als sie noch ein Backfisch war. Es kann sein, dass deshalb Back-fisch seine Lieblingsspeise war. Wie dem auch sei, nachdem meine Nachbarin griesgrämig ihren Entenbraten vertilgt hatte, erhob sie sich schließlich missmutig, warf mir einen bitterbösen Blick zu und verließ grußlos den Raum. Ihr Mann trottelte mit geziemendem Devotionsabstand hinter ihr zur Kasse. 

Es war bezeichnend, dass diese weibliche Spaßbremse die Plastikkarte mit dem Chip trug, auf dem die Kosten für den Verzehr gespeichert waren. Wahrscheinlich teilte die reso-lute Frau ihrem Mann auch das Taschengeld zu. Gehört er vielleicht sogar zu den Pantoffelhelden, die schüchtern fragen: „Schatzi, darf ich mir wieder etwas von meinem Taschengeld kaufen?"

An dem Zweiertisch rechts von mir hatten zwei Männer das Geschehen amüsiert verfolgt. Ihrer Kleidung und den Gesprächsfetzen nach zu urteilen, die zu mir herüberweh-ten, wenn die Frau mal gerade nicht zeterte, waren es studi-dierte Geschäftsleute, die weit in Deutschland herumge-kommen waren. Sie machten entsprechende Bemerkungen über die frustrierte Frau. 

Eigentlich hätte ich nach meinem Restauranterlebnis wie Loriot in seinem berühmten Sketch sagen müssen: „Sie haben mir ins Essen gequatscht!“ Diese Bemerkung verkniff ich mir. Der Zeternden fehlte bestimmt der Sinn für so fein-sinnigen Humor. Es gibt eben Leute, die Ironie nicht ver-stehen.

Diese Geschichte konnte ich mir nicht ausdenken. Solche Geschichten schreibt das Leben für mich.

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