Nr. 24: Organspender
Eines Tages sollte mal wieder ein großes Schulfest stattfinden. Wie üblich sollten die Klassenlehrer mit ihrer Klasse ein Projekt wählen und vorbereiten. Wir diskutierten lange in meiner 8. Klasse. Viele Vorschläge wurden gemacht und wieder verworfen. Schließlich stand es fest: Wir spielen die „Schwarzwaldklinik“. Diese Serie war damals eine sehr beliebte Fami-liensendung im Fernsehen. Schnell wurden die Rollen verteilt. Ich sollte unbedingt mitspielen und hoffte insgeheim, den Prof. Dr. Brinkmann geben zu dürfen. Das wäre eine angemessene Rolle. Endlich einmal der Chef sein! Zu Hause war ich es nicht mehr. Da hatten mich meine liebe Frau und mein lieber Kater längst entthront. Über die Standeserhöhung zum Pro-fessor, wenn auch nur für die Dauer des Schulfestes, hätte ich mich sehr gefreut. Schon vor Jahren hatte ich mit großem Neid in Österreich gehört, dass dort Gymnasiallehrer mit „Herr Professor“ angeredet werden.

Als noch nicht feststand, wer den Organspender spielen sollte, sagte ich: „Damit die Organentnahme echt wirkt, muss der Organspender völlig bewegungslos daliegen.“ Ich erwähnte ein eigenes Erlebnis. An der Schule in England, an der ich ein Jahr lang unterrichtete, schmiss der Hauptdarsteller die Generalprobe von T.S. Eliots „Murder in the Cathedral“. In der tragischen Szene, in der er den gerade eben gemeuchelten und mausetoten Thomas à Becket (Erzbischof von Canterbury) spielte, konnte sich einer der bösen Mörder nicht mehr vor Lachen halten. Der „Ermordete“ zappelte daher plötzlich gewaltig mit den Beinen, so sehr hatte ihn die Lachsalve angesteckt.
Aus meiner insgeheim erhofften Standeserhöhung wurde nichts, denn es sollte ganz anders kommen. Mit einem Blick, der keinen Widerspruch duldete, entschied eine kesse Schülerin: „Herr May, Sie spielen den Organspender!“ Ich bat um Bedenkzeit. Grundsätzlich helfe ich gern Menschen in Not. Manchmal half ich so uneigennützig und viel, dass mir gute Freunde rieten, mich nicht ausnutzen zu lassen. Danach wurde ich vorsichtiger und setzte meine Schwelle für meinen Altruismus merklich höher.
Die „Schwarzwaldklinik“ sollte zwar nur ein Spiel sein und müsste für mich eigentlich völlig ungefährlich und nicht gesundheitsschädlich sein. Gewiss, die Zuschauer würden sich an meinem Ausgeweidetwerden ergötzen. Das könnte ich schon verkraften, hatte ich mir doch im Laufe meines langen Wirkens als Lehrer als reine Notwehrmaßnahme ein dickes Fell wachsen lassen und konnte so manchen Knuff vertragen.
Aber was wäre, wenn ein Educandus die günstige Gelegenheit ausnutzen würde? Er könnte mir ein echtes Narkotikum in mein „Trinken“ träufeln und dann die Zahl meiner lebenswichtigen Organe mit schnellen Schnitten reduzieren. Im schlimmsten Fall würde sogar eine Planstelle freiwerden, vermutlich sehr zur Freude meines Studienreferendars, der unmittelbar vor dem 2. Staatsexamen stand und sich regelmäßig schelmisch nach meinem gesundheitlichen Zustand erkundigte. Als ich bei einer Terminabsprache einmal hinzufügte: „Also dann bis morgen, so Gott will,“ sagte er blitzschnell: „Auch da oben werden gute Leute gebraucht.“ Das war zwar einerseits ein tröstliches Lob, andererseits aber deutlich genug.

Obwohl viel jünger und dennoch reicher an Lebenserfahrung als ich, riet mir einmal ein guter Freund: „Du musst besonders auf die Körperteile achten, die du nur einmal hast.“ Das stimmte mich sehr nachdenklich. So hatte ich das noch gar nicht gesehen. Er wusste, wovon er sprach, denn er hatte sich als Kind eines Nachts seine neugierige Nase an der Schlafzimmer-tür seiner Eltern eingeklemmt, wenn ich mich richtig erinnere. Am nächsten Tag erzählte er fröhlich seiner kleinen Schwe-ster: „Wir kriegen jetzt auch Kabelfernsehen. Papi hat zu Mami gesagt 'Das ist doch nicht so schlimm. Wenn wir zwei satt kriegen, werden wir auch drei satt kriegen.'“
All diese Gedanken schossen mir bei der Diskussion mit meiner Klasse durch den Kopf, so dass meine Bedenken nur noch eine Lösung zuließen: Schluss mit dem Projekt „Schwarzwaldklinik“. Kraft meines Amtes setzte ich das durch.
Die meisten Schüler waren sichtlich erleichtert, denn sie wollten sich nicht auf einen neuen Klassenlehrer einstellen. So verwarfen wir das Projekt „Schwarzwaldklinik“ und bereiteten das Waffelbacken vor. Das war eine kluge Entscheidung, denn unsere Waffeln gingen weg wie warme Semmeln. Aber wir mussten etwas in Kauf nehmen: In unserem Klassenzim-mer machten die Schüler am nächsten Schultag keine rechten Fortschritte, bewegten sich nicht von der Stelle. Wie frustrie-rend für einen Lehrer! Die Erklärung war ganz einfach: Die Schüler klebten auf dem reichlich gezuckerten Fußboden fest! Erst eine gründliche Reinigung ermöglichte wieder den Fortschritt. Der Weg zu neuen Ufern der Erkenntnis war wieder frei.
