Nr. 23: Tango
Nach der misslungenen Beschichtung (siehe die vorige Beobachtung Nr. 22) war es dringend nötig, auf unseren Reihen-häusern die alten asbesthaltigen und daher sehr gesundheitsschädlichen Dächer durch gesundheitlich unbedenkliches Material zu ersetzen. Ich entschied mich für verzinkte Stahlbleche, nicht für Dachpappe, weil mich der Inhaber einer Dach-deckerfirma, die einen guten Ruf hatte, davon überzeugte, dass die Haltbarkeit viel besser sei. Das mag sein, aber was dann folgte, war eine Serie von unglaublichem Pfusch am Bau. Das neue Dach wurde nicht richtig abgedichtet: die Dachrinne wurde zu hoch montiert, neigte sich außerdem zu der Seite, die dem Abflussrohr gegenüberliegt, so dass sich dort das Wasser staute und schließlich an der Hauswand herunterlief. Außerdem wurden die meisten Bleche von den Handwerkern so verbeult, dass ein neuer Handwerker laut schimpfte und fragte: „Was haben die denn gemacht? Haben die hier oben Tango getanzt?“
In der folgenden Nacht wurde ich um meinen ruhigen Schlaf gebracht.
Die Dachdecker erschienen mir leibhaftig im Traum. Man glaubt es kaum. Diesen Traum werde ich jetzt schildern, aber nur ein wenig bebildern.
Sie waren nicht mehr nur zu zweit. Fünf andere standen noch bereit. Ich hörte den ersten sagen : „Wir wollen uns nicht länger plagen.“
Der zweite fügte hinzu: „Recht hast du.“
Der dritte sagte: „Wir verlegen solche Bleche zum ersten Mal. Das ist eine elende Qual.“
Der vierte meinte: „Diese Arbeit ist viel zu schwer. Wir wollen nicht mehr.
Der fünfte klagte: „Wir mussten uns sehr schinden, um alle Bleche zu verbinden.“
Der sechste schlug vor: „Kommt alle mit nach oben. Dort werden wir dann toben.“
Der siebente ergänzte: „Wir machen großen Krach auf dem blöden Dach.“ Oben auf dem Dach begann sogleich das Ungemach.
Sie waren alle sehr frech und zerstampften mir das Blech.
Ein Blaumann begann mit seinen Pirouetten. Ich musste das Dach vor ihm retten.
Dieser Schuft in seiner blauen Kluft!
Er hatte sich schon fast durch das Dach geschraubt. Das hätte ich vorher nie geglaubt.
Das Loch wurde immer breiter, und er tanzte immer weiter. Wenn er durch das Loch fällt, dann schreit er.
Ich überlegte, warum mir die Dachdecker das alles antun anstatt sich einfach nur von der schweren Arbeit auszuruh'n.
Ich fragte mich: „Warum?“ Sind die wirklich so dumm?“
Sollen sie sich doch woanders im Takte der Musik verrenken. Aber nicht auf meinem Dach! Da müssen sie die Folgen bedenken.
Ihr Chef wird sie entlassen, und sie werden ihn dafür hassen.
Wie konnte ich den bösen Tanz beenden und alles noch zum Guten wenden?
Ich fühlte mich bedroht und machte ihnen ein Friedensangebot.
Ich schwenkte – ihr könnt es ahnen - eine meiner weißen Fahnen.
Zu meiner Rettung klingelte der Wecker um halb sieben und hat den Albtraum vertrieben.

Das war mein Traum, den ich nicht noch einmal erleben möchte. Wie in vielen Träumen wurde die Wirklichkeit verzerrt. Aber eine Frage beschäftigte mich noch lange: Warum wurde so gepfuscht? Mehrere Ursachen kamen zusammen:
1) Anders als behauptet, hatte der Chef der Dachdeckerfirma keine langjährige Erfahrung mit solchen Blechen, seine Dachdecker auch nicht.
2) Einige der Dachdecker waren überhaupt nicht motiviert und fachlich überfordert. Wie hätte es sonst sein können, dass sie nicht einmal die Wasserwaage richtig benutzten und mit ihren schweren Arbeitsschuhen rücksichtslos über die Bleche trampelten?
3) Der Meister war nicht ständig auf der Baustelle und vernachlässigte so seine Aufsichtspflicht. Er war für mehrere Baustellen zuständig. Als sich die Mängel häuften, bekam er die Quittung: Er wurde gefeuert.
4) Der Firmenchef verließ sich anfangs vertrauensselig auf seine Leute und kontrollierte sie nicht auf der Baustelle.
5) Der Firmenchef hatte im doppelten Wortsinn alles nicht gut genug bedacht.
Ich machte Videoaufnahmen von dem Pfusch auf dem Dach und schickte sie auf einer CD an die Firma. Es war deutlich zu sehen, dass das Regenwasser an einer Dachluke unter das Dach lief und nicht auf dem Dach in die Regenrinne abfloss. Wegen der falschen Neigung der Dachrinne floss das Wasser an der Hauswand und dem Fenster, das darunter liegt, nach unten. Ich schrieb dem Firmenchef, dass ich eine solche automatische Scheibenwaschanlage nicht benötige. Daraufhin inspizierte ein Mitarbeiter aus der Verwaltung das Dach und berichtete seinem Chef. Erst dann kam der Chef persönlich zu uns. Weil die Baumängel so eindeutig waren, veranlasste er eine komplette Neueindeckung, natürlich auf seine Kosten.
Zum Glück brauchte ich keinen Rechtsanwalt einzuschalten. Das neue Dach wurde komplett demontiert. Neue unverbeulte Bleche wurden angebracht und zwar genauso wie ich - ein Laie - es von Anfang an den Handwerkern gesagt hatte. Ich ging von meinem gesunden Menschenverstand aus. Damals hatte der Inhaber der Firma alle meine Vorschläge abgewimmelt mit dem Hinweis, Herr X. sei ein sehr erfahrener Dachdeckermeister und wisse, wie man solche Stahlbleche montiere. Später trennte sich - wie bereits erwähnt - der Firmeninhaber von diesem Meister. Als dann endlich die Dacherneuerung abgeschlossen wurde und das Dach abgedichtet war, behauptete der Firmeninhaber frech, jetzt sei endlich alles so, wie er es von Anfang an gewollt habe. Dazu fiel mir nichts mehr ein. Jedenfalls wurde mein Glaube an deutsche Wertarbeit gewaltig erschüttert.
Fast ein Jahr später erfuhr ich, dass die Dachdeckerfirma Konkurs anmelden musste. Vermutlich hatte diese Firma auch auf anderen Baustellen gewaltig gepfuscht. Ich musste mich sehr zurückhalten, um nicht schadenfroh zu werden. Die neuen Bleche sehen nach einem Jahr fast alle einwandfrei aus. Das Dach ist immer noch dicht. Hoffentlich bleibt es auch so. Wenn nicht, dann hätte ich großes Pech. Da die Dachdeckerfirma nicht mehr existiert, gibt es auch keine Garantieleistung mehr. Zum Glück habe ich im Laufe der Zeit auch sehr zuverlässige und kompetente Handwerker kennengelernt, die ich ruhigen Gewissens weiterempfehlen kann.
In Karikaturen wird zwar häufig etwas übertrieben, aber das folgende Ereignis habe ich tatsächlich so erlebt. Einer der Handwerker ließ sich mehrmals mit dem Schrägaufzug auf das Dach transportieren. Einmal saß er sogar auf einem Stapel Dachlatten. Der junge Dachdeckergeselle war zu bequem, die Leitern des Gerüstes zu benutzen. Meinen Hinweis auf die große Unfallgefahr nahm er zunächst nicht ernst. Erst nach einiger Zeit gab er sein leichtsinniges Verhalten auf. So brauchte ich nicht damit zu drohen, ihm das Betreten der Baustelle zu untersagen und die Gewerbeaufsicht einzuschalten.
Nachtrag zu meinem Gedicht:
Ich bitte um Nachsicht bei meinem Gedicht. Gut zu dichten, ist nicht leicht. Deshalb sind meine Verse auch zu seicht. Doch das soll meine Freude am Dichten nicht trüben, und ich werde weiterhin fleißig üben.
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3) Warum hält man einen Mitmenschen für alt oder jung?
Bekanntlich hängt die Einschätzung auch davon ab, wie alt man selber ist.
Beispiel: Als ich noch jung war, reiste ich nach Sölden in Tirol, um in den Ötztaler Alpen zu wandern. Ich wollte meinen Eltern telefonisch mitteilen, dass ich gut angekommen war. Das war aber in der Vor-Handy-Zeit gar nicht so einfach. Es war sehr schwierig, eine freie Telefonzelle in Sölden zu finden. Wenn gerade ein junges Mädchen mit ihrem Gespusi telefonierte, sie und das Telefon kurz vorm Rotglühen waren, hatte ich keine Chance. Also schwang ich mich in meinen VW-Käfer und fuhr so lange das Tal entlang, bis ich eine freie Telefonzelle fand. Das gelang mir auch bald. Auf dem Rückweg stand ein kleiner Junge, so um die 10 Jahre alt, mit einer Milchkanne am Rand und wollte per Anhalter nach Hause fahren. Er hatte wohl irgendwo Milch abgeliefert. Ich nahm ihn mit, und schnell kamen wir ins Gespräch. Nach einer Weile fragte er mich: „Wie alt bist'n du?“ Ich sagte: „Dreißig.“ Er schaute mich ungläubig an: „Was, so alt san's schon!“
