Nr. 21: Brötchen
Nachdem ich meinen Kater Charly bei der Tierärztin abgeliefert hatte – dem armen Kerl sollte unter Vollnarkose Zahnstein entfernt werden -, ging ich ins Einkaufszentrum, um mir zwei Brötchen zu kaufen. Vor mir führte ein Mann zwei brave Hunde an der Leine: einen Golden Retriever und einen Yorkshire Terrier, der vorschriftsmäßig eine rote Schleife im Haar trug, die ihn etwas größer machte. Der linke Hinterfuß des Golden Retrievers steckte in einem blauen Schuh. Wahrscheinlich hatte sich das Tier irgendwo verletzt. Auf dem glatten Kunststoffbodenbelag rutschte dieser Fuß immer wieder weg.
Als ich den Zweibeiner mit seinen beiden vierbeinigen Freunden erreicht hatte, sagte ich zu dem Mann: „Einer von den beiden ist ein Kampfhund. Ich weiß nur noch nicht, welcher.“ Mit gespielter Entrüstung erwiderte der Angesprochene: „Natürlich der kleine, wer denn sonst?“
Kurz vor dem Bäckerladen ließ der Mann seinen Golden Retriever von der Leine. Er (der Hund) lief zum Tresen, richtete sich auf den Hinterbeinen auf, hob die Vorderpfoten, nahm also die bei Hunden übliche Mach-schön-Haltung ein. Ich stand rechts am Tresen und beobachtete das Geschehen: Die junge Verkäuferin nahm ein Brötchen und warf es schwungvoll über den Tresen. Blitzschnell schnappte der große Hund zu, zwei, drei Bisse, und das Brötchen war verschwunden.
Da schaltete ich mich ein, diesmal spielte ich den Entrüsteten: „Und der Kleine, kriegt der kein Brötchen?“ „Nein“, sagte sein Herrchen. „Der kann doch das Brötchen nicht auffangen. Er kriegt einen Keks“. Herrchen beugte sich hinunter und reichte seinem „Kampfhund“ einen Keks.

Danach erst bekam der Hundehalter seine Brötchen. Die wurden ihm aber über den Tresen gereicht und nicht geworfen. Nach dem Abgang des eingespielten Dreierteams erkundigte ich mich bei der Verkäuferin, ob dieses Schauspiel einmalig sei oder wiederholt werde. Sie versicherte mir, ich könne es jeden Morgen sehen. Kurz vor Mittag holte ich meinen Kater Charly von der Tierärztin ab. Er hatte jetzt wieder ein strahlendes Gebiss. Ich schilderte der Tierärztin (eigentlich der Vertreterin der Tierärztin) und ihrer ansehnlichen Assistentin meine Beobachtung. Beide kannten sie schon. Wie ich schon vermutet hatte, war der Golden Retriever in der Praxis in Behandlung.
Ich bin sicher, dass ich schon für das Gesprächsthema bei seinem nächsten Verbandswechsel gesorgt habe.
