Nr. 2: Steinchen
Einige unserer Fenster waren im Laufe der Zeit trübe geworden. Um wieder einen klaren Durchblick zu bekommen, ließen wir alle Fenster erneuern. Wir vergaben den Auftrag an eine große Fensterfirma mit ausgezeichnetem Ruf. Ein Mitarbeiter der Firma kam ins Haus und nahm genau Maß.
Als einige Wochen später die Fenster von zwei Monteuren eingesetzt wurden, verlief alles problemlos. Wie vereinbart, sollte im 1. Stockwerk auf der Gartenseite unseres Hauses die Holzplatte zwischen den beiden Fenstern durch Klinker ersetzt werden. Das war die Aufgabe des schon etwas älteren Maurers. Ich nenne ihn einfach mal Hinnerk. Das mache ich jetzt einfach mal so. Er traf eine Stunde nach den beiden Fenstermonteuren ein und wurde schon sehnsüchtig von ihnen erwartet.
Warum? Das wurde mir schnell klar. Er wohnte in einem kleinen Dorf, war sozusagen ein Maurer „mit Stallgeruch“, denn er teilte Haus, Hof und Garten mit seinen geliebten Haustieren, nach denen sich die beiden Monteure ganz genau und mit leichter Ironie erkundigten, die Hinnerk allerdings nicht zu bemerken schien. Bereitwillig beantwortete er wortreich alle Fragen nach seinen Tieren, den Hasen, Kaninchen, Ziegen, Hühnern, Enten, Gänsen, Katzen und dem Hofhund Hasso, zum Beispiel: „Hat dein Rammler Nero endlich wieder Appetit?“, „Wie geht es den Ziegen?“, „Legen die Hühner am Wochenende wirklich mehr Eier?“, „Willst du mit deinem Kater Kalle wieder zur Ausstellung? Glaubst du, er gewinnt wieder den 1. Preis?“, „Versteigt sich Kratzi immer noch?“ (Zum Verständnis:„Ist Kratzi, der Hahn, immer noch in die Ente Daisy verliebt?“)
Es fehlte nur noch die peinliche Frage, ob denn der Igel, den Hinnerk jeden Abend auf dem Hof fütterte, immer noch die Klobürste anbalze. Der arme Hinnerk wurde sehr auf die Schippe genommen, schien es aber zu genießen.
Meine Videos über den Igel, der die Klobürste anbalzt:













Hinnerk war nicht nur sehr tierlieb, sondern auch ein wahrer Meister seines Handwerks.
Mit jahrelang erprobtem Kennerblick legte er ohne Hilfsmittel das Fugenmaß auf 16 mm fest, holte dazu meine Genehmigung ein, berechnete im Kopf den Bedarf an Steinen und setzte dann exakt den Mörtel an, den er fachmännisch als „Mischung“ bezeichnete. Er bat mich, ihm beim Mauern zu helfen. Die Mischungszentrale, also der Maurerbottich mit der „Mischung“, stand in meinem Arbeitszimmer. Auch die vielen Steine stapelten wir dort.
Hinnerk wies mich in den Arbeitsablauf als solchen und die korrekte Handhabung der Maurerkelle ein, kletterte dann beherzt durch die Fensteröffnung auf die Leiter und begann fachmännisch mit dem Mauern der Steine.
Es ging so: „Steinchen“, sagte Hinnerk mit einem aufmunternden Lächeln. Ich reichte ihm einen Stein. Hinnerk bedankte sich mit einem gewinnenden Lächeln. Dann gab er mir die Kelle und sagte: „Mischung“. Ich füllte die Kelle mit „Mischung“ und reichte sie ihm. Hinnerk Hinnerk ergriff die Kelle und lächelte dankbar.


Es war immer der gleiche Ablauf:
„Steinchen“ – Hinnerk lächelt – ich reiche einen Stein durch die Fensteröffnung – Hinnerk ergreift den Stein – Hinnerk lächelt – Hinnerk setzt den Stein – Hinnerk lächelt – Hinnerk reicht mir die Kelle – Hinnerk lächelt –„Mischung“ – Hinnerk lächelt – ich fülle die Kelle mit „Mischung“ und reiche sie Hinnerk – Hinnerk lächelt – Hinnerk ergreift die Kelle – Hinnerk lächelt – Hinnerk verarbeitet die „Mischung“ – Hinnerk lächelt – Hinnerk fordert einen neuen Stein an: „Steinchen“ – bekommt den Stein – Hinnerk lächelt... Mit gezielten, meisterhaft ausgeführten Schlägen halbierte oder drittelte Hinnerk einige Steine, auch die widerspenstigen. Keiner entkam ihm. Meine Nachbarn, angelockt von unserer Arbeit, waren fasziniert von Hinnerks Stakkato und strömten in Scharen herbei.
Kostprobe von Hinnerks musikalischer Performance: Wir waren schnell ein eingespieltes Team, und ich wurde von Hinnerk mächtig gelobt und mit immer intensiverem Lächeln bedankt. Schon liebäugelte ich mit der verlockenden Vorstellung, dass sich mir hier ein lukrativer Nebenjob für die viel zu langen Sommerferien eröffne, selbstverständlich nur ein beamtenrechtsverträglicher.
Hinnerk würde ich davon überzeugen, seine Wünsche nach „Steinchen“ und „Mischung“ singend vorzutragen. Viel verspre-chende Ansätze zeigte er bereits. Die waren durchaus noch ausbaufähig. Wir könnten als Duo auftreten: Hinnerk als der singende Maurer und ich als sein ehrenwerter Handlanger. Ich hätte draußen auf der Baustelle frische Luft und bekäme Applaus, was ich so oft in den vermieften Klassenräumen vermisste. Vielleicht könnten wir eines Tages sogar einen Video-film zu YouTube hochladen. Zunächst müssten wir eine geeignete Baustelle für unsere Performance finden – mit vielen Parkmöglichkeiten in der Nähe und Anbindung an das öffentliche Verkehrsnetz –, und in der Musikscene müssten wir voll coole Promotion abliefern. Das würde dann schon bei den Fans total gut rüberkommen und voll reinhauen. Ich dachte an das große Vorbild: vom Quickborner Betonmischer zum bekannten Barden. „Mein Gott, Hinnerk! Das schaffen wir auch.“ Rein gefühlsmäßig ist Hinnerk heute gut drauf. Aber: was reimt sich eigentlich auf Hinnerk?
Nichts! Er müsste sich einen Künstlernamen zulegen. Hinnerk könnte einige seiner Haustiere in der Performance einsetzen: den jaulenden Hofhund Hasso und den verliebten Hahn Kratzi mit seiner Flamme Daisy.
Das wäre echt tierisch gut, denn die Leute fahren doch voll auf Tiere ab. All dies ging mir durch den Kopf, bis mich das nächste „Steinchen“ aus meinen Träumen riss.
Wir arbeiteten eine ganze Weile harmonisch Hand in Hand, und die Mauer wuchs Stein um Stein, bis ich plötzlich einen bösen Fehler beging: Hinnerk gab mir eine Kelle zurück, auf der sich höchstens noch zwei Eierlöffel voll von der kostbaren „Mischung“ befanden, die Hinnerk schwungvoll vom „Steinchen“ zurück auf die Kelle geschoben hatte. Leichtfertig wollte ich, der Maurerlaie, diese Reste der wertvollen „Mischung“ in den Maurerbottich zurückgeben. Da ertönte ein lauter Aufschrei des Entsetzens: „Nein! Sie machen mir doch die Mischung kaputt!“ Einige besorgte Nachbarn, die schon einige Zeit gebannt das Geschehen an der Hauswand verfolgt hatten, wollten sofort 112 wählen, aber ich konnte sie davon abhalten. Gerade noch rechtzeitig korrigierte ich meinen bösen Fehler. Ich beließ weisungsgemäß die vorhandene „Mischung“ auf der Kelle und ergänzte sie durch neue „Mischung“ aus dem Maurerbottich. So war es richtig. Reste von bereits gebrauchter „Mischung“, die also bereits Kontakt mit einem „Steinchen“ hatten, dürfen nicht in den Maurerbottich zurückgefüllt werden. Wieder etwas Wichtiges gelernt!
Aber es war trotzdem zu spät. Hinnerk verzieh mir meinen eklatanten Fehler nicht, und die Arbeitsatmosphäre war merklich getrübt, so wie unsere alten Fensterscheiben, die nun ersetzt wurden. Meine Träume von einer atemberaubenden Karriere in der Musicscene zerplatzten wie Seifenblasen im Wind. Schade!
So sah ich es denn vor mir: noch mehrere Jahre die langsam lernenden Kinder anderer Leute unterrichten und hohe Stapel von Klassenarbeiten korrigieren, ohne Erholungsmöglichkeiten beim Mauern mit Hinnerk in den Sommerferien und auf unserer großen Deutschlandtournee in den Herbstferien.
Es kamen von Hinnerk zwar noch die regelmäßigen Aufforderun-gen „Steinchen“ – „Mischung“ – „Steinchen“ – „Mischung“. Aber das Lächeln fehlte. Es war einem immer grimmiger werdenden Gesichtsausdruck gewichen. Mir schoss es durch den Kopf: so mag Hinnerk wohl ausschauen, wenn er seinen Lieblingshahn Kratzi wieder mal beim „Versteigen“ erwischt. Was war ich froh, als Hinnerk endlich die Lücke zwischen den Fenstern mit Klinkern zugemauert hatte! Ich sah es ihm schließ-lich nach, dass er an einigen Stellen von der vereinbarten Fugenhöhe um 1,0 mm abwich und verzichtete auf eine Beschwerde bei der Handwerkskammer, obwohl ich noch einige Tage brauchte, um Hinnerks Anpfiff und die schwere Enttäuschung wegen meiner geplatzten Karriereträume zu verarbeiten. Ich bin ja nicht nachtragend, jedenfalls nicht lange!
Fazit: Die „Steinchen“ sind immer noch fest in der Wand vermauert. So konnte ich ruhigen Gewissens die Fensterfirma samt Hinnerk meinen Nachbarn, Bekannten und Verwandten bestens empfehlen.
Nachtrag im Dezember 2012
Vor wenigen Tagen erfuhr ich, dass meine Nachbarn wahrscheinlich von „meiner“ Fensterfirma demnächst neue Fenster einbauen lassen wollen. Auch sie lassen dabei auf meinen Rat hin im 1. Stockwerk die Holzplatte zwischen den beiden Fenstern durch Klinker ersetzen. Es klingt unglaublich, ist aber wahr: „Mein“ Hinnerk mauert noch für diese Firma, und ich werde ihn vermutlich bald wieder in Aktion sehen. Darauf bin ich schon sehr gespannt. Weil ich nicht einschätzen kann, wie er auf meinen Anblick reagieren wird, werde ich mich zunächst vorsichtshalber hinter die Hecke stellen.
Vielleicht ist das unnötig, da er sich überhaupt nicht mehr an unsere gemeinsame Performance erinnert, bei der wir unser Bestes gaben. In den Jahren, die auf diesen denkwürdigen Auftritt folgten, dachte ich oft an Hinnerk. Ich fragte mich zum Beispiel, ob seine wertvolle „Mischung“ schon mal verwässert wurde, als er bei sich zu Hause auf dem Hof mauerte. Wenn „ja“, war dann Hasso, sein treuer Hofhund, der Übeltäter?

