Nr. 19: Durchblick
Gerade eben hatte ich die Pflanzen auf den beiden Gräbern unserer lieben Verstorbenen begossen und ging zu meinem Auto zurück, das auf dem Parkstreifen vor dem Rondell auf mich wartete. Dort parkte noch ein zweites Auto. Das hatte ich wenige Minuten vorher gar nicht so richtig gesehen, weil ich auf den Bus achten musste, der in knappem Abstand an mir vorbeifuhr. Aber nun schaute ich auf das parkende Auto, stutzte, ging wieder einen Schritt zurück und schaute noch einmal hinein. Nein, ich hatte mich wirklich nicht geirrt, brauchte mir auch keine Vorwürfe zu machen, dass ich am Vorabend das zweite Glas Rotwein besser weggelassen hätte, da es meinen Blick trübte. Was ich sah, war ungewöhnlich.

Dort saß ein großer Hund auf dem Fahrersitz mit beiden Vorderpfoten am Lenkrad, so als wolle er gerade wegfahren. Ich ging zum Rondell zurück. Am Rande setzte eine Frau gerade neue Pflanzen ein. Ich fragte sie: „Ist das Ihr Auto? Ihr Hund fährt es gleich weg.“ Das war genau die richtige Ansprache. Sie berichtete lachend, dass ihr Hund sehr gern im Auto sitze, nicht nur während der Fahrt. Dann fügte sie verschmitzt hinzu: „Vor einiger Zeit beschwerte sich ein älterer Nachbar bei mir, weil ich aus dem Auto heraus seinen Gruß nicht erwiderte.“

Es stellte sich heraus, dass es der Hund war, der nicht grüßte. Sein Frauchen war zu der fraglichen Zeit im Haus. Ihr Hund hatte sie davon überzeugt, dass es für ihn besser sei, wenn er mal wieder im Auto sitzen dürfe. Einfach mal so.
Fazit: Es kommt immer auf den guten Durchblick an. Mit Brille wäre das nicht passiert.

