Nr. 18: Der Handwagen

Jetzt ist es also amtlich, dass ich alt bin. Zu dieser Erkenntnis kam ich so: 

Am Sonnabend (18.2.12) war ich gerade auf dem Weg zum Einkaufszentrum Jenfeld. Kurz vor dem langen Plattenweg, der bei Aldi vorbeiführt, sah ich ein kleines Mädchen, das mit sich selber Verstecken spielte. Es duckte sich hinter ein Auto, rannte ein Stück weiter usw. Dann hörte ich lautes Getrappel, drehte mich kurz um und sah, dass das Mädchen hinter mir herrannte.

Als es mich einholte, sagte ich zu ihm: „Ich dachte, da rennt ein Pferd hinter mir her.“ Das Mädchen trug gewaltige Turnschuhe und stampfte damit auf den Boden. 

Es antwortete: „Meine Mami macht das auch immer.“ „Ach so, und jetzt übst du, damit du es genauso gut wie deine Mami kannst.“ 

„Ja.“ Dann begann das Mädchen zu erzählen. Seine kleine Schwester wurde an dem Sonnabend zwei Jahre alt. Die große Schwester hatte noch kein Geschenk. „Meine Mami hat gesagt, ich soll erst mal gucken.“ 

„Gehst du zu Dluzak?“ „Ja“. Dann erzählte das Mädchen weiter. „Kennst du den Asia-Laden neben Kik?“ „Ja“. 

„Die Leute dort kommen aus Vietnam, wie meine Eltern.“ 

„Das habe ich mir schon gedacht, dass deine Eltern aus Vietnam stammen. Wir hatten einige vietnamesische Kinder bei uns in der Schule, drüben in Billstedt.“ 

„In Billstedt arbeitet mein Vater.“ Dann fügte das Mädchen hinzu: „Weißt du was, ich kenne noch einen anderen alten Mann. Der sieht fast so aus wie du. Der ist bei uns Sportlehrer.“ 

„Aha.“ 

„Rate mal, in welche Klasse ich gehe.“ „In die zweite oder in die dritte Klasse.“

 „Ich gehe in die 2c.“ Wir waren mittlerweile am Einkaufszentrum angekommen, und ich dachte, das Mädchen wollte von der Hauptstraße aus zu Dluzak gehen und sagte deshalb: 

„So, ich gehe jetzt rechts zu dem Eingang.“ Die Kleine erwiderte: „Ach, da komme ich gleich mit. Da kann ich von dort zu Dluzak* gehen.“ Im Einkaufszentrum verabschiedete ich mich: „Na dann Tschüs. Such was Schönes für deine Schwester aus.“ „Tschü-ü-ü-ü-s“, sagte das Mädchen und winkte mir zum Abschied zu. Da wusste ich, der Tag kann gar nicht mehr schlecht werden.

Fazit: Jetzt ist es also amtlich. Ich sehe alt aus, bin es auch und werde mich altersgemäß verhalten. Wenn ich mal wieder ein schweres Paket für meine Nachbarn annehme und ausliefere, werde ich den Handwagen nehmen.

Wie sagte mal noch ein 11-jähriger Schüler zu mir: „Bisschen bequem will man das ja auch im Leben haben. Ich nehme immer die Rolltreppe im Billstedt Center.“ 

* „Dluzak“ verkauft Zeitungen, Büromaterial und Spielzeug. 

Nachträge: 

1) Ende Mai 2012 sah ich dieses Mädchen auf der anderen Seite unserer Straße. Es blieb kurz stehen, schaute mich aufmunternd an und dachte bestimmt: „Da ist ja schon wieder der alte Mann.“ 

Das Mädchen trug keine Turnschuhe. Vermutlich durfte es sie nicht mehr anziehen, denn einige der Gehwegplatten auf ihrer Rennstrecke waren durch das Getrappel bereits in gefährliche Schieflage geraten. Vielleicht wurde das aber auch nur durch den strengen Frost verursacht.

 2) Der "alte Mann" freut sich auf seinen nächsten Skiurlaub.

 

3) Warum hält man einen Mitmenschen für alt oder jung? 

Bekanntlich hängt die Einschätzung auch davon ab, wie alt man selber ist. 

Beispiel: Als ich noch jung war, reiste ich nach Sölden in Tirol, um in den Ötztaler Alpen zu wandern. Ich wollte meinen Eltern telefonisch mitteilen, dass ich gut angekommen war. Das war aber in der Vor-Handy-Zeit gar nicht so einfach. Es war sehr schwierig, eine freie Telefonzelle in Sölden zu finden. Wenn gerade ein junges Mädchen mit ihrem Gespusi telefonierte, sie und das Telefon kurz vorm Rotglühen waren, hatte ich keine Chance. Also schwang ich mich in meinen VW-Käfer und fuhr so lange das Tal entlang, bis ich eine freie Telefonzelle fand. Das gelang mir auch bald. Auf dem Rückweg stand ein kleiner Junge, so um die 10 Jahre alt, mit einer Milchkanne am Rand und wollte per Anhalter nach Hause fahren. Er hatte wohl irgendwo Milch abgeliefert. Ich nahm ihn mit, und schnell kamen wir ins Gespräch. Nach einer Weile fragte er mich: „Wie alt bist'n du?“ Ich sagte: „Dreißig.“ Er schaute mich ungläubig an: „Was, so alt san's schon!“ 

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