Nr. 16: Bestechung
Als ich in unserer ruhigen Wohngegend die Straße entlang schlenderte, wurde es plötzlich laut. Auf der gegenüber-liegenden Straßenseite bahnte sich eine Tragödie an, so musste ich befürchten: Von rechts kam der Briefträger, sein hoch beladenes Postrad schiebend, von links näherte sich unaufhaltbar ein angeleinter Hund mit seinem Herrchen. Dieser Hund bellte, als er den Briefzusteller sah und lief so schnell auf ihn zu, dass sein Herrchen ihn nicht mehr halten konnte.


„ Oh, weh!“ dachte ich, „jetzt geht’s rund.“
Aber nein, meine Furcht war glücklicherweise grundlos. Kurz vor dem Briefträger blieb der Hund stehen, sprang an ihm hoch und wedelte eifrig mit seinem Schwänzchen, wie es eben Hunde so tun, wenn sie sich sehr freuen und einen lieben Freund begrüßen.
Das kam mir merkwürdig vor, denn gewöhnlich verhalten sich Hunde zu Briefträgern wie Jäger zu Gejagten. Briefträger sind zu einer von Hunden stark bedrohten und dezimierten Spezies geworden. Wir alle kennen solche hässlichen Tafeln wie diese:


Hundehalter bringen sie an ihren Garten- oder Haustüren an, um stolz die Jagdbeute ihrer Hunde zu verkünden.
Aber dieser Brieftäger passte so gar nicht in das Beuteschema dieses Hundes. Der Briefträger durfte den Hund streicheln, hob dann den Deckel der schweren Box auf seinem Rad an, nahm einige Leckerlis aus einer Tüte und gab sie seinem Freund.
Da wechselte ich die Straßenseite und schaltete mich ein: „Ich habe alles genau beobachtet. Das ist ein klarer Fall von Bestechung im Amt.“ Ich genoss die freundliche und humorvolle Reaktion des Angesprochenen sehr. „Ich habe noch nie Probleme mit Hunden gehabt. Mit allen komme ich gut aus,“ sagte der Briefträger.
Mir ging es durch den Kopf: Die Deutsche Post wäre gut beraten, allen ihren Mitarbeitern im Außendienst kostenlos Hundeleckerlis mitzugeben. Das würde kostendämpfend wirken. Hat die Deutsche Post eigentlich schon einmal ausrechnen lassen, was die Reparatur und der Ersatz der Dienstbekleidung Jahr für Jahr kostet, die von Hunden zerfetzt und zerbissen wurde? Kein Wunder, dass das Briefporto so hoch ist!
Als ich mich schon weit vom Ort dieses Geschehens entfernt hatte, sah ich ein Rudel von Hunden. Einige liefen ihrem Freund entgegen, andere warteten geduldig, bis er zu ihnen kam. Dieser Anblick war ein tierisches Vergnügen.

