Nr. 15: Prellung
In Klasse 12 besuchte ich im nasskalten November gemeinsam mit einigen anderen Klassenkameraden eine sogenannte Kurzschule. Es war eine willkommene Abwechslung mit einem vielfältigen Programm. In diesen vier Wochen trieben wir sehr viel Sport, absolvierten Schnellkurse im Feuerlöschen, in Erster Hilfe und in Seenotrettung. Außerdem lernten wir sehr viel über die Natur. Bei einer zweitägigen Seereise auf einem alten Fischerboot rutschte ich bei rauher See auf dem Deck aus und prellte mir die linke Hand. Als wir wieder an Land waren, bekam ich vom Sanitäter einen Verband. Es war alles nicht so schlimm.
Am nächsten Morgen mussten wir wie üblich beim Appell antreten, um in die vor uns liegenden Aufgaben eingewiesen zu werden. Heute würde man auf Neudeutsch von „Briefing“ reden. An jenem Morgen ritt plötzlich der Graf vor unsere „Front“ und musterte uns mit einem leicht spöttischen Blick, der an meiner bandagierten Hand hängenblieb.
„Wo bist du denn auf die Fresse geflogen?“ fragte er mich herablassend. Ich erklärte es ihm. Kein Wort des Bedauerns, geschweige denn ein „Gute Besserung!“ war vom Grafen zu hören.
Mein Eindruck war: der hat als kleiner Junge entweder zu viele oder zu wenige Schläge bekommen.
Der Graf hatte eines bewirkt: Mein bis dahin positives, ja sogar romantisch verklärtes Bild von Adligen hatte er restlos zerstört. Noch wenige Wochen vor unserer Reise hatten wir im Deutschunterricht viel über Minnegesang, Minnedienst und edle Ritter gehört.
Dieser unsensible und herablassende Graf war bestimmt ein Nachfahre jener adligen Großgrundbesitzer, die im Mittelalter ihre unfreien Untertanen knebelten. Die Kurzschule befand sich auf seinem Grund und Boden, und er fühlte sich wohl immer noch als Grundherr oder sogar als Reinkarnation Napoleons.
Jahre später lernte ich bei meinem einjährigen Englandaufenthalt einen englischen Earl kennen, einen wahren Gentleman feinen Geblüts. Welch ein Kontrast zu dem „gewürdigten“ ungehobelten Grafen !

