Nr. 13: Monster
Kai, so nenne ich diesen Jungen jetzt, fiel es schon in Klasse 5 nicht leicht, dem Unterricht zu folgen, konnte am Ende der Beobachtungsstufe leider nicht auf dem Gymnasium bleiben. Seine Leistungen reichten nicht aus. Er war das, was man häufig „soziokulturell benachteiligt“ nennt. Seine Familie war unvollständig: Der Vater, aus einem völlig anderen, fern-östlichen Kulturkreis stammend, hatte eines Tages die Familie verlassen, und die deutsche Mutter konnte ihrem Sohn allein nur wenige der sogenannten „primären Kulturtechniken“ und Kenntnisse übermitteln. Kai durfte unkontrolliert alle Fern-sehfilme anschauen, sogar Monsterfilme. So kam es, dass er häufig in seiner Traumwelt lebte, die von Monstern, bösen Geistern und Fabeltieren beherrscht wurde.
Eines Tages verfolgte er mich nach der Stunde bis ans Lehrerzimmer, um mir folgendes verlockend klingendes Angebot zu machen: „Herr May, ich drehe einen Monsterfilm, und Sie spielen die Hauptrolle.“ „So“, sagte ich, „Was ist denn die Haupt-rolle?“ „Sie spielen das große Monster“, antwortete Kai. Dieses in bester Absicht gemachte Angebot musste ich natürlich ablehnen, denn schon aus rein zeitlichen Gründen hätte ich neben der reichlichen Schularbeit nicht auch noch Film-schauspieler sein können.

In der nächsten Klassenkonferenz amüsierte sich das Klassenkollegium sehr über das, was ich über Kai zu berichten wusste. Ein Kollege informierte uns: „Mir hat er auch eine Rolle angeboten.“ Kleinlaut gestand er, dass er nur so eine Art Hilfssheriff spielen sollte. Es war klar, Kai sah in seinen Lehrern einen Vaterersatz und war dankbar für jedes freundliche Wort und für Zuwendung, die er zu Hause offensichtlich nicht bekam.
In den ersten Wochen schleppte er an jedem Tag alle seine Schulbücher und Hefte in die Schule, also auch die, die er nicht brauchte. Die Schultasche war viel zu schwer. Erst als ich ihm riet, sich in der kleinen Wohnung einen festen Arbeitsplatz einzurichten, dort seinen Stundenplan aufzuhängen und an jedem Nachmittag nachzuschauen, welche Materialien er denn tatsächlich am nächsten Schultag brauchte, wurde seine Schultasche erheblich leichter. „3 Kilo weniger“, berichtete er mir dankbar.
Von seiner Mutter hatte er einen solchen Rat nicht bekommen. Ihr war es nicht einmal aufgefallen, dass sich Kai jeden Tag so abschleppte. Das wunderte mich nicht. Kais Grundschullehrerin hatte einst seiner Mutter ganz genau erklären müssen, wie man einen Kindergeburtstag ausrichtet.
Fazit: Kai hätte eine ganztägige Betreuung mit Beginn der Grundschule sicher sehr geholfen, die vielen Defizite aufzuholen.
Ich überlegte mir auch, wie man seiner offensichtlich überforderten Mutter und so manchen anderen Eltern helfen könnte, die sich nicht oder viel zu wenig um ihre Kinder kümmern, aus welchen Gründen auch immer.

