Nr. 12: Schulhunde
Kaum hatten wir unseren Schulneubau bezogen, da markierte Barry, der große zottige Schäferhund unseres ersten Hausmeisters eine der großen Säulen in der Pausenhalle. Das war von nun an sein Revier. Wenn morgens die Kinder in die Schule strömten, stürzten sie sich auf Barry, um ihn ganz lieb zu streicheln. Barry war ausgesprochen kinderlieb und genoss die reichliche Zuwendung.
Eines Tages beschwerte sich unser Hausmeister bei mir, denn er wusste, dass ich der Klassenlehrer einer der 5. Klassen war: „Alle Kinder begrüßen und streicheln Barry, wenn sie in die Schule kommen. Und ich? Mich beachten sie überhaupt nicht.“
Unser brummiger Hausmeister ermahnte die Kinder mit den Worten: „Der Bauer sagt 'Guten Morgen', wenn er in die Stadt kommt.“ Aber die Kinder hörten nicht auf ihn, wie es eben so ist, wenn ein stärkerer Magnet in der Nähe ist. Die Beschwerde des Hausmeisters gab ich an meine 5. Klasse weiter: „Wir müssen unbedingt etwas tun.“ Meine hilfsbereite Klasse war sofort einverstanden. Am nächsten Morgen strömten die Kinder meiner Klasse in die Schule, ließen Barry buchstäblich links liegen, gingen auf den Hausmeister zu und begannen damit, ihn freundlich zu begrüßen und sich ausführlich nach seinem Wohlbefinden zu erkundigen.
Einige ganz mutige Mädchen zupften sogar an ihm herum und streichelten ihn. Das war das erste Mal, dass unser Haus-meister sehr verlegen wurde. Sonst konnte ihn nichts so leicht aus der Fassung bringen. Er war sehr beliebt. Die Kinder schätzten vor allem seine markigen Sprüche und seine große Hilfsbereitschaft: „Ich bin für alles zuständig. Was, du hast deinen Fahrradschlüssel verloren? Kein Problem, das haben wir gleich. Komm mit, ich knack das Fahrradschloss mit dem großen Seitenschneider. Soll ich dir damit auch gleich ein paar Milchzähne rausziehen, bevor sie sauer werden?“

Der Nachfolger unseres ersten Hausmeisters hatte einen ganz ähnlichen großen zottigen Schäferhund. Da ich seinen richtigen Namen (Rex) zu langweilig fand, weil 98% aller Schäferhunde so heißen, nannte ich ihn „Waldi“. Er war ja noch so „klein“. Ich folgte damit dem Beispiel von Nach-barn, die aus demselben Grund ihren großen Golden Retrie-ver „Krümel“ tauften. Waldi war sehr freundlich, solange er nicht von Kindern geärgert wurde. Während der Unter-richtszeit hielt er sich in dem großen Garten seines Herr-chens auf. Der Garten war von einem hohen Zaun um-grenzt. Nach dem Elternabend war es üblich, den Haus-meister zu informieren, damit er seinen abendlichen Kon-trollgang durch das Gebäude und über das Gelände beginnen konnte.
Zwischen dem kräftigen Schäferhund und mir hatte sich das folgende Ritual entwickelt:
Ich öffnete die Gartentür, Waldi kam zu mir, begrüßte mich, identifizierte mich dank des Geruchs, den die Schulkreide an meinen Fingern immer noch verströmte, stellte sich auf die Hinterbeine, richtete sich zu voller Größe auf und legte mir seine beiden kräftigen Vorderpfoten vertrauensvoll auf die Schultern. Dann kommunizierten wir auf gleicher Augenhöhe miteinander wie Gewerkschaftler und Arbeitgeber beim Aushandeln eines neuen Tarifvertrages.
Ich bat Waldi: „Sag' bitte deinem Papi Bescheid, dass der Elternabend beendet ist.“ Waldi verstand das sofort, trottete zur Haustür und machte ein einziges lautes „Wuff!“. Das wirkte als Türöffner, so dass ich dem Hausmeister meine Meldung überbringen konnte.

„Im letzten Jahrgang werden alle Kinder planmäßig untersucht und zahnärztlich behandelt, damit die schulentlassenen Kinder auf gesunden Zähnen in's Leben treten." - Auszug aus dem Protokoll über die Sitzung der Stadtverordneten am 19. März 1926
Diese Feststellung fand ich in: „Sehr geehrte Herr Firma! Stilblüten aus amtlichen und privaten Schreiben", herausgegeben von Margit und Emil Waas; dtv; München 1976

Wer nicht hören will, muss fühlen !
In der Nähe unseres Gymnasiums befindet sich der Öjendorfer See. Der nördliche Teil ist ein gesperrtes Vogelschutzgebiet. Seltene Vögel wie die Rohrdommel überwintern dort gern.
Der Hauptteil des Öjendorfer Sees ist ein beliebtes Naherholungsgebiet, für das Wandern, Joggen und Ausruhen bestens geeignet.
In jedem Schuljahr gab es einen Crosslauf um den Öjendorfer See. Die längere Strecke für die älteren Schüler, die durch den Wald führt, ist etwa 4,5 km lang, die Strecke für die jüngeren Schüler ist ungefähr 1 km kürzer.
Unsere älteren Schüler und Schülerinnen wussten genau, wo sie beim Crosslauf von der längeren Rennstrecke auf die kürzere wechseln konnten, um eine schnellere Zeit und bessere Note zu erreichen. Das wussten wir Lehrkräfte natürlich auch und ergriffen die folgende Gegenmaßnahme: Wir versteckten uns im Gebüsch, und als die ersten Läufer und Läufe-rinnen herantrabten und auf die kürzerer Rennstrecke einbiegen wollten, sprangen wir blitzschnell auf den Weg, stellten uns wie eine altrömische Phalanx auf und schickten unsere Schummler zurück auf die längere Rennstrecke.
Wie bereits erwähnt, war unser erster Hausmeister bei den Kindern sehr beliebt. Er meinte es sehr gut mit ihnen und kannte sich bestens in der Nachbarschaft unseres Gymnasiums aus.
Er warnte die Schüler und Schülerinnen davor, bei der Rückkehr vom Crosslauf, die Abkürzung über ein fremdes Grund-stück zu wählen, das von einem großen Hund bewacht wurde. Einige unserer jungen Läufer und Läuferinnen missachteten übermütig diese Warnung, und so kam es wie es kommen musste: eines Tages erwischte der wachsame Hund einen Jun-gen und biss ihm in den Körperteil, der normalerweise zum Sitzen verwendet wird. Der Hund verkleinerte die intakte Sitzfläche um einige Quadratzentimeter. Das war sicherlich sehr schmerzhaft und lehrreich! Außerdem brauchte dieser ungehorsame Junge dringend eine neue Turnhose. Aus meiner langen Berufszeit als Lehrer weiß ich, dass Schummeln zum Schülerverhalten gehört und dass sich die Schüler und Schülerinnen immer neue Tricks ausdenken. Manchmal wirkte es wie ein Wettrüsten. Schummeln gilt bei vielen Schülern und Schülerinnen als erlaubte Notwehr, nicht als Betrug.
