Nr. 1: Die Badewanne als solche

Vor einigen Jahren gönnten wir uns ein neues Badezimmer. Nachdem wir alles gut durchdacht und bestellt hatten, rückte eines Tages zuerst der Klempnermeister mit seinem Gesellen an.

Ihren schweren Händen konnte ich ansehen, dass sie schon viele Jahre gehämmert, gebohrt, gelötet, angeflanscht und abgeklemmt hatten. Ihre Sprache bestand meistens aus kurzen standardisierten Sätzen, in denen die Wortverbindung „als solche“ dominierte. Dadurch klang vieles bedeutungsvoller als es eigentlich war. „Wohin wollen Sie die Doppelsteckdose als solche haben?“, „Sollen wir die Heizung als solche etwas höher anbringen?“, „Muss die Mischbatterie als solche wirklich so hoch sein, dass'n Eimer als solcher drunterpasst?“ und so weiter und so fort. 

Schon bald wurde die Badewanne gebracht. Der Lieferant beeindruckte mich sehr, denn er trug sie huckepack ganz allein die Treppe hinauf. Die Wanne war bestimmt sehr schwer.

Dumpf hallte das „Moin!“ des Mannes in der leeren Badewanne, die den Gruß verstärkte.

Als die beiden Klempner schließlich die „neue Badewanne als solche“ in das Badezimmer gewuchtet hatten, sah ich, dass sie zu weit von der linken Wandseite entfernt stand, so dass auf der rechten Seite nicht mehr genug Platz für das kleine Schränkchen gewesen wäre.

Also sagte ich zu den beiden fleißigen Handwerkern: „Können Sie bitte die Wanne so weit nach links schieben, dass rechts noch genug Platz für das Schränkchen ist?“

Beide sahen mich verunsichert und fragend an. Ich merkte, wie es in ihren Köpfen arbeitete. Auch die Wiederholung meiner Bitte führte nicht zur Erkenntnis. Ich weiß noch, wie verstört mich die beiden anblickten. Die armen Kerle verstanden mich nicht! So sagte ich denn schließlich:

„Würden Sie bitte die Badewanne als solche so weit an die linke Wand als solche schieben, dass noch genug Platz für das Schränkchen als solches ist?“ Vorsichtshalber trat ich schnell einige Schritte zurück, um einen Sicherheitsabstand zu gewinnen, musste ich doch befürchten, dass sie mir „die Rohrzange als solche“ an den „Hals als solchen“ werfen. Aber, nein, meine Furcht war völlig unbegründet! Anstatt mich zu beschimpfen und mich mit Werkzeug zu bewerfen, weil ich die beiden gewaltig veräppelt hatte, bekamen sie leuchtende Augen. Sicherlich dachten sie: „Endlich verstehen wir ihn. Endlich spricht er unsere Sprache als solche.“

Fazit: Das Schränkchen passte gut neben die Badewanne, auch noch, nachdem das Bad neu gefliest worden war und dadurch etwas kleiner wurde.

Der Ausdruck  „als solche" wird von vielen Mitmenschen benutzt, denen gar nicht bewusst ist, dass er eine nichtssagende Floskel ist, genauso wie "oder so". Vor vielen Jahren zog eine Familie mit mehreren Kindern in unsere Reihenhaussiedlung ein. Die Mutter dieser Kinder fragte eine ihrer Nachbarinnen: „Haben Sie Kinder oder so?" Sie bekam die passende Antwort: „Ich habe keine Kinder, und einen Dackel haben wir auch nicht."

Die Lieblingswendung der beiden Klempner muss eine magnetische Wirkung auf mich ausgeübt haben, denn einige Tage später ertappte ich mich dabei, wie ich meinen Kater fragte:

„Charly, möchtest du deine Brekkies als solche wieder in der Küche als solcher essen oder im Flur als solchem?“ Dank ihrer hochsensiblen Sinnesorgane verfügen Katzen über ein beneidenswertes Gespür für die feinsten atmosphärischen Verän-derungen. Es war erschütternd, wie verstört und fassungslos mich mein Kater anblickte.  

Der arme Kerl! Offensichtlich verstand er mich überhaupt nicht, machte einen vorschriftsmäßigen Katzenbuckel, über-prüfte vorsichtshalber schon mal den Schärfegrad seiner Krallen am Kratzbaum, sah, dass das Nachschärfen noch nicht nötig war, verzichtete auf eine verbale Äußerung und wollte mich wegen der Beleidigung tätlich angreifen. Das konnte ich gerade noch verhindern, indem ich ihn schnell auf die vertraute Weise fragte, also die „als-solche-Wendungen“ wegließ. Wenn mein Kater stark verunsichert und beleidigt ist, flüchtet er schmollend oder wird stattdessen pfotengreiflich, um das Problem in seinem Sinne zu lösen. Das hält er nur äußerst selten für nötig, so ein- bis zweimal im Jahr.

Schon wegen meines Berufes musste ich mich nach den Sommerferien wieder einer höheren Sprachebene befleißigen, was meine Gesprächspartner löblich fanden. Ich fand also zu einer gepflegten Sprache zurück, mied „denglische“ Mode-wörter und Leerformeln.

Und dennoch: Hätte ich doch wenigstens eine Ausnahme gemacht und die Wendung „als solche“ dauerhaft in meinen aktiven Wortschatz übernommen! Es war nämlich überhaupt nicht lustig, als ich einige Jahre später noch einmal diese beiden Handwerker anheuerte, um ein beschädigtes Waschbecken austauschen zu lassen. Das neue Waschbecken wurde vom Gesellen mit zwei Zentimetern Schlagseite nach links befestigt! Zum besseren Verständnis: Das Waschbecken hatte Schlagseite, nicht der Geselle. Eine durch übermäßigen Alkoholgenuss verursachte Schlagseite und Fahne hatte der Meister, als er mit seinem Gesellen wiederkam, um den Pfusch am Waschbecken zu korrigieren.

Dieser torkelnde Handwerksmeister mit der „Alkoholfahne“ erinnerte mich an die ersten Zeilen der „Zueignung“ in Goethes Hauptwerk „Faust“:

     „Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten,                                                                                                                                                             Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.                                                                                                                                                                   Fühl ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt?                                                                                                                                                               Ihr drängt euch zu! Nun gut, so mögt ihr walten,                                                                                                                                                           Wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt;                                                                                                                                                                   Mein Busen fühlt sich jugendlich erschüttert                                                                                                                                                                   Vom Zauberhauch, der euren Zug umwittert.“ 

Da hörten aber auch schon die Gemeinsamkeiten auf. 

Der Meister war wütend und wollte seinem Gesellen, bei dessen Augenmaß durchaus noch viel Luft nach oben war, „gewaltig eins auf die Backen hauen“, wie er sich dezent ausdrückte.

„Der kriegt doch Mischlohn als solchen.“, fügte er hinzu.

Hatte der Geselle diesen wertvollen „Mischlohn als solchen“ aufs Spiel gesetzt? Riskierte er also leichtfertig, den Provi-sionsanteil zu verlieren?

Ich machte mir schwere Vorwürfe, weil ich es versäumt hatte, dem Gesellen den klaren Auftrag zu erteilen: „Bringen Sie das Waschbecken als solches bitte waagerecht an der Wand als solcher an.“ Nachdem er seinen Fehler korrigiert hatte, hinterließ das Waschbecken einen überarbeiteten Eindruck, und der Klempnergeselle auch. Mit gesenktem Kopf und hängender Rohrzange zog der so arg Gescholtene von dannen.

Würde er in seinen letzten Berufsjahren jemals wieder ein glücklicher Klempner werden?

Ich weiß es leider nicht, kann es nur hoffen. 

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